Der Wind und der Frost

From Pasakas un teikas
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Comments: Diese Sage ist in die Schriftsprache übertragen worden. Obwohl sie von einem Erzähler aufgeschrieben worden sie, scheint sie aus einer Schriftquelle entstanden zu sein. P. Š.


Es geschah in alter Zeit. Die Sonne, der Wind und der Frost gingen zusammen die Straße entlang und unterhielten sich. Die Sonne sagte: "Ich bin stärker als ihr." Der Frost sprach: "Nein ich bin der Stärkste!" Alle erkennen, dass der Starke ein gutes Leben in dieser Welt hat: wohin er auch gehen mag, alle fürchten sich vor ihm. Aber wie sollten sie nun entscheiden, wer von ihnen am stärksten war? Sie setzten den Weg fort und begegneten einem Mann. Er zog die Mütze vor den drei Kameraden und ging weiter. Aber er war noch nicht weit gekommen, als sie ihn zurückriefen. Sie wollten von ihm wissen, vor wem von ihnen der Mensch sich verneigt hatte, denn wahrscheinlich hatte er es nicht vor allen dreien getan. Sie fragten ihn:

"Sage uns die Wahrheit, Mann: vor wem von uns hast du dich verneigt, doch wohl nicht vor uns allen?" Der Mann überlegte lange und wusste nicht, was er antworten sollte. Sollte er sagen, dass er sich vor allen drei verneigt hatte? Vielleicht war das nicht richtig. Sollte er sagen, dass er sich vor einem von ihnen verneigt habe? Wen sollte er dann wählen? Die Sonne kann Hitze schicken, der Frost kann erfrieren lassen und der Wind kann die Erde austrocknen lassen. Wem sollte er die Ehre erweisen? Schließlich dachte er: "Vielleicht ist es am besten, wenn ich sage, ich hätte mich vor dem Wind verneigt. Die Sonne kann so heiß sein, wie sie nur will: beginnt der Wind zu wehen, sofort wird es kühler. Auch der Frost kann so streng sein, wie er will: beginnt der Wind aus Süden zu wehen, wird das Wetter gleich milder." Nachdem er das so überlegt hatte, sagte er: "Ich hatte mich vor dem Wind verneigt." Das gefiel der Sonne nicht und sie drohte: "Daran wirst du dich dein ganzes Leben erinnern, dass du den Wind am meisten geehrt hast." Aber der Wind tröstete den Mann, indem er sagte: "Du brauchst dich weder vor der Sonne noch vor dem Frost zu fürchten. Sollten sie dir etwas Böses antun wollen, so denke an mich!" Im Sommer beschließt die Sonne, sich an dem Menschen zu rächen, und sendet so heiße Strahlen zur Erde hinab, wie sie es nur vermag. Da wird es dem Mann so heiß, dass er nicht mehr weiß, wo er bleiben soll: die gleiche Hitze draußen wie drinnen. Man muss im Wasser Linderung suchen, aber wie lange sollte man denn im Wasser sitzen? Da fiel dem Mann der Wind ein und er sagte: "Wenn doch der Wind wehen würde, dann wäre es nicht mehr so heiß!" Und in demselben Augenblick begann der Wind aus dem Norden zu wehen, und sogleich wurde es kühler. Der Mann ging wieder an die Arbeit, und die Sonne musste zugeben, dass der Wind stärker war als sie. Im Winter wollte der Frost sich an dem Menschen rächen und schickte ihm eine solche Kälte, dass der Mensch sogar im Haus seinen Pelz anziehen musste. Da erinnerte sich der Mann wieder an den Wind und sagte: "Wenn nur der Wind wehen möchte! Dann würden sich gleich Wolken bilden und es wäre nicht mehr so kalt." Da kam der Wind mit einem Schneesturm aus dem Süden, und es wurde gleich weniger kalt. Der Mann verließ sein Haus und fuhr in den Wald, um Brennholz zu holen. Nun hatte auch der Frost gemerkt, dass der Wind stärker war als er und dass er es mit ihm nicht aufnehmen konnte. Der Mann konnte wieder ruhig in den Wald fahren und an seine Arbeit gehen. Als der Wind der Sonne begegnete, sagte er: "Derjenige ist der stärkere, der mit seiner Kraft nicht prahlt. Nur bei der Arbeit erweist sich, wer stärker ist."

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