Die Mutter der Gewässer

From Pasakas un teikas
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Hier will ich das wiedererzählen, was mir ein 85-jähriger Vater erzählt hat, der es in seiner Jugend wiederum von alten Leuten gehört hatte. Am Ufer des Nordzipfels des Kāpuru kalna ezers befand sich dereinst die erste Kirche der Gemeinde Jaunpiebalga, die Marienkirche. Diese Kirche hielten die Leute für einen sehr heiligen Ort. Die Kirche besaß eine wunderliche Kraft: wenn jemand versprochen hatte, am nächsten Sonntag zur Kirche zu gehen, tat es aber nicht, so erkrankte er und wurde erst dann wieder gesund, sobald er sein Versprechen erfüllt hatte. Die Soldaten des russisch-schwedischen Krieges haben die Kirche niedergebrannt. Für eine solche Untat wurden die Soldaten auf der Stelle bestraft: sie liefen mitsamt ihren Kriegswerkzeugen in den See. Man habe ihre Waffen später auf dem Grund liegen sehen.

Seit der Zeit, da es keine Kirche mehr gibt, gibt es in unsere Gegend auch kein so prächtiges Vieh mehr. Doch versammelten sich die Leute am Tage Mariä-Himmelfahrt am See des Kāpuru kalns. Noch vor vierzig Jahren sind Menschen zu Tausenden gekommen, aber in der letzten Zeit gibt es immer weniger Leute, die kommen. Aber sogar noch zu unserer Zeit versammeln sich im Skrāģu krogs (krogs= Krug, Wirtshaus), der sich nur eine halbe Werst von dem alten Versammlungsort befindet, am Tage Mariä-Himmelfahrt die Bauern der näheren Umgebung und verbringen den Abend in fröhlicher Geselligkeit. Wenn man sie fragt, warum sie sich versammelt haben, antworten sie: "Das ist ein Brauch aus der Zeit unserer Urväter."

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