Der Haus-Herr

From Pasakas un teikas
Jump to: navigation, search

Am 13. Mai dieses Jahres (1836) habe ich, der Pfarrer, in Begleitung der Kirchen Ältesten meinen ersten, größeren Kreuzzug gegen die "Haus-Herren", die von den Letten dieser Gegend noch teilweise eifrig verehrt werden, und denen zweimal im Jahr, zu Georgi und Michaeli in der Dunkelheit der Nacht Opfer gebracht werden, unternommen. Man will die Haus-Herren, die man für böse Geister hält, mit den dargebrachten Opfergaben versöhnen und unschädlich machen. Unser Weg führte uns zuerst zu 14 Bauernhöfen von Schloss Ermes (lett. Ērģeme). Auf einem der Höfe war der Bauer nicht zu Hause. Als die Bäuerin sah, dass der Pfarrer und die Kirchen Ältesten auf ihren Hof einbogen, floh sie in den Wald, ihr Kind, kroch schreiend unter die Klete (das Vorratshaus). Ein altes Weib, das wir allein auf dem Hof vorfanden, führte uns unter schweren Seufzern und Gejammer zu der Stelle, die dem "Haus-Herrn" geweiht war. Die Stelle befand sich am Gartenzaun und war mit einer alten Egge verdeckt: Blut, Gefieder, Geflügelknochen, alte und neue Geldstücke, alte Ferdinge, rote Wollfäden — Opfergaben für den "Haus-Herrn" an seiner Wohnstätte — machte uns klar, dass in der Nacht des hl. Georg hier ein Hahn geschlachtet und dem Haus-Herrn als Opfer nebst anderen Opfergaben dargebracht worden war. Auf den anderen Bauernhöfen stellten wir fest, dass das Darbringen der Opfergaben nicht mehr erfolgt war, die Opferstellen jedoch unberührt waren, da niemand es wagte, sie zu zerstören. Zum Teil befanden sie sich unter alten Bäumen jenseits des Gartenzaunes, aber manchmal auch mitten auf dem Feld. Die meisten Bauern widersetzten sich nicht meinem Befehl, die Bäume zu fällen und die heiligen Stätten umzupflügen und dem Garten- oder Ackerland zuzuteilen, nur einer blieb dabei, dass er das Leben seines Pferdes und sein eigenes Leben durch das Umpflügen der Opferstellen nicht aufs Spiel setzen werde, da möge ich tun was ich wolle. An einer Opferstelle fanden wir unter den oben erwähnten Opfergaben auch einen Brotlaib, der am Michaelstag des vorigen Jahres dem Hausgott geopfert worden war, was ich sonderbar fand, denn laut Volksglauben sorgt der Hausgott für gute Ernte der Gartenfrüchte und kümmert sich um die Gesundheit der Menschen und das Gedeihen des Viehs, deshalb bringt man ihm sonst nur Gartenfrüchte und Fleisch der Haustiere als Opfer dar. Die Feldfrüchte sind dagegen der Fürsorge Gottes anvertraut. Erbsen und Bohnen liebt der "Haus-Herr" nicht; aber man schüttet ihm in der Georgi Nacht auch Kohlsamen hin, denn er soll das Gedeihen der Kohlpflanzen fördern. Auch Graupen gehören zu den Opfergaben. Manche schlachten einen Hahn und opfern dem "Haus-Herrn" nur Blut, Knochen und Federn, andere dagegen begraben den Hahn lebendig in der Erde. Dann suchte ich 13 Höfe der Gemeinde Turnava auf, um auch dort die Opferstellen aufzuspüren und zu vernichten. Mich begleitete der dortige Gutsbesitzer, Rittmeister A. von Wrangel und die Ältesten der dortigen Kirche. Auf sechs Höfen stellten wir fest, dass, das Opfern noch in voller Blüte stand, auf anderen Höfen, hatte man damit bereits aufgehört, auf einigen seit längerer Zeit, auf anderen wiederum erst im vergangenen Herbst, einfach deshalb, weil — wie sie mir sagten — sie davon keinen Segen gespürt hätten, und, auch, weil ich es nicht habe dulden wollen. Aber die Opferstellen waren noch alle unberührt; manche befanden sich innerhalb des Gartenzaunes und waren selbst fest eingezäunt, andere auf dem Feld, aber von Bäumen umstanden, wiederum andere auf Weiden und an Wiesenrändern, mitunter nur durch aufgeschichtete Steinhaufen zu erkennen. Die Opfergaben waren fast überall die gleichen wie oben erwähnt. Nachdem ich am späten Abend nach Hause gekommen war, zählte ich das ausgegrabene und, an den Opferstellen gefundene Geld nach, das ich in meine Tasche gesteckt hatte: Es waren mehr als zwei Rubel Kupfergeld in guter, gültiger Währung, dazu die alten Ferdinge. Mitunter habe man sogar Taler an solchen Opferstellen gefunden, und auf meinen späteren "Kreuzzügen" habe ich kleines Silbergeld gefunden. Auf diesem ersten Gang hat mir die geistige Not meiner Gemeindemitglieder großes Herzeleid bereitet, dass wiederum durch die Freude eines Teiles der Leutchen über mein Kommen und ihre Bereitschaft, die Opferstellen aufzugeben, gelindert wurde. Eine der Opferstellen war völlig zugewachsen: dort war nie auch nur ein Zweig abgebrochen, nie das Gras gemäht worden. Als der Bauer sie uns zeigen wollte, vermochten wir sie von keiner Seite aus zu erreichen. Als ich den Bauer aufgefordert habe, einen Pfad durch das wuchernde Gestrüpp zu schlagen, antwortete er, dass ihm der Mut zu einer solchen Tat fehle, und reichte mir die Axt. Als ich mit der Axt einige Zweige abgehauen hatte, nahm er sie mir aus der Hand und arbeitete selbst tüchtig weiter. Die Bäuerin, die ich hatte rufen lassen, damit sie sich mit eigenen Augen vergewissere, dass man sich nicht zu fürchten brauchte, näherte sich ängstlich der Opferstelle und schließlich rief sie aus: "Das sind ja die Bäume Gottes und man kann Gottes Erde sehen!" Obwohl diese Stelle nur etwa hundert Schritte vom Wohnhaus entfernt ist, hatten ihre Füße sie noch nie betreten. Als ich sie fragte, warum sie mir ihre Götzendienerei so lange verheimlicht hätten, antworteten sie, sie hätten nicht gewusst und geglaubt, dass ich in der Lage wäre, sie von ihnen (von den Götzen) zu befreien. Als der Bauer jedoch hörte, dass ich im Namen Jesu längst alle Teufel vertrieben hätte, begann er mit sichtlichem Mut die Zerstörung der Opferstelle. Andere wiederum legten nur mit großer Furcht die Hand an die Wohnstätten ihrer Götzen — es schien, dass alle Kraft sie verlassen hätte. Ein anderer fragte Herrn von Wrangel, was nun aus seinen Pferden werden sollte, nachdem der "Haus-Herr" vertrieben sei. Ein anderer sagte wiederum, er sei nur dann bereit, die Wohnstätte des "Haus-Herrn" zu zerstören, wenn man ihm verspreche, die zu erwartenden großen Verluste zu ersetzen. Nachdem das Gestrüpp abgeschlagen und die Steine fortgewälzt waren, kamen an vielen Stellen dicke Kröten als die wahren Symbole der finsteren heidnischen Zeit zum Vorschein.

Personal tools
Namespaces

Variants
Actions
Navigation
Project
Categories
Add
Tools
Toolbox