Das Anschaffen des Drachen und seine Tätigkeit (Wirksamkeit)

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Auf dem Weg von Jelgava (Mitau) nach Tukums, über das Krongut Bērzmuiža liegt bei Werst 23 der Ančītes-Hof. In alten Zeiten waren die Besitzer bettelarm. Sie hatten keinen Bissen Brot, ihre Pferdchen waren spindeldürr, ihre Kühe, wie durch die Wand gezogen, die Gebäude verfallen, die Dächer schrecklich verkommen, und unter den Grundbalken schlüpften die Hunde und Katzen ein und aus. Die Gutsherrin hatte schon ihren Kosaken abgeschickt, um sich zu überzeugen, ob man nicht einen anderen Bauern hineinsetzen müsse. Aber die Ančītes hatten einen strammen Sohn, und der verliebte sich, als er das Gutskorn nach Riga fuhr, in eine Frau aus Vidzeme (lettischer Teil von Livland) und führte sie als seine Bäuerin heim, denn der Vater konnte nicht länger wirtschaften und übergab den Hof seinem Sohn, damit der sein Glück versuchte.

Die neue Bäuerin gab sich zwar redliche Mühe, aber auch sie konnte nichts bringen. Das bisschen Geld, das sie besaß — es mochten 15 Rubel sein — ging eins, zwei, drei zu Ende. Arme Schlucker waren, und blieben sie. Eines Tages nun begleitete die Bäuerin ihren Mann nach Riga, um ihre Verwandten zu besuchen und klagte denen ihr Leid, doch als diese ihr auch nicht helfen konnten, wollte sie nicht mehr heimkehren. In der letzten Nacht, bevor sie Riga verlassen sollte, verließ sie das Haus und schickte sich zur Flucht an; dabei stolperte sie über ein altes Fass und rief: "Dass dich der Teufel!" Und sofort erschien ein großer, schwarzer Mann und fragte, was sie vom Teufel begehre. Sie erschrak zwar gewältig, dachte aber auch: "Einerlei! Gott hilft mir nicht, da muss ich schon beim Bösen Hilfe suchen." Sie fasste sich also ein Herz und sagte: "Ich brauche Geld und will, dass er mich reich mache." Der Schwarze lachte und sprach: "Wenn du reich werden willst, musst du mir einen Drachen abkaufen. Das sind meine Knechte, und wer einen solchen besitzt, dem geht es gut, der hat Geld wie der Teufel, wie man zu sagen pflegt. Ich halte meine Leute besser als euer Gott. Willst du dich mir ergeben, so musst du deinen Namen mit deinem Blut unterzeichnen und mir deine Seele versprechen." Die Bäuerin war damit einverstanden, sie schnitt sich in den kleinen Finger der linken Hand und verschrieb sich mitsamt ihrer Seele dem Teufel. Dieser gab ihr ein Stück schwarze Kohle, das wickelte sie in einen Lumpen und zahlte ihm dafür einen Ort (30 Kopeken). Der Teufel sagte: "Wenn du etwas brauchst oder eine Arbeit zu verrichten hast, so sage bloß: Stepiņš, mache mir dies und das, ich brauche dies und das, so wird er alles tun und ausrichten."

Am nächsten Morgen machte sie sich keine Sorgen mehr und fuhr mit dem Bauern heim. Unterwegs zog sie von Zeit zu Zeit ihren Lumpen hervor und überzeugte sich, ob Stepiņš noch drin wäre. Der Bauer bemerkte das und fragte: "Was tust du da immer, und guckst in einem fort in deinen Lumpen?" Die Bäuerin umarmte ihn und sagte: "Liebes Männchen, sag kein Wort, von nun an sind wir reich: ich habe mir in Riga einen Drachen gekauft, jetzt haben wir viel Geld. Aber du darfst keinem Menschen ein Sterbenswörtchen davon verraten." — "Gut, gut" erwiderte er, "wollen wir sehen, was er uns Gutes bescheren wird."

Heimgekehrt, barg sie ihren Lumpen mitsamt der Kohle unter ihrem Bett unter dem Grundbalken. Gleich in der ersten Nacht, während ihr Mann zu den Pferden auf die Nachthütung gegangen war, ging in ihrer Kammer um Mitternacht ein grüner Mann von einem Ende zum andern. Als die Bäuerin ihn bemerkte, packte sie ein solcher Schreck, dass ihr die Gänsehaut über den Rücken lief, und sie mit der linken Hand ein Kreuz schlug. Sofort verschwand der Grüne. Da beruhigte sie sich, denn sie dachte, sie habe wohl nur geträumt, und schlief wieder ein. Da packte Stepiņš sie an der Gurgel, würgte sie und sagte: "Hüte dich, dich in meiner Gegenwart zu bekreuzigen!" Am Morgen stand die Bäuerin auf, wagte aber nicht mehr das Kreuz zu schlagen, wie es von Kindheit an ihre Gewohnheit gewesen war. Ihr Hals war vom Würgen schwarz wie ein Kochtopfboden. Von der Zeit an bekreuzigte sie sich weder, noch ging sie zu einer Andacht. Mit der Zeit wurden die Ančītes reich. Zuerst hatten sie drei Vollknechte und einen Halbknecht gehalten, jetzt aber kamen sie mit nur zweien aus: Wenn irgendwo etwas zu tun war, so rief die Bäuerin nur nach Stepiņš, und der brachte es allein zustande. Dem Gesinde sagte sie, wenn sie etwas nicht zu heben oder zu tragen imstande wären, so sollten sie bloß rufen: "Stepiņš, komm und tu dies oder das!" So werde er ihnen helfen. Und wirklich, wenn die Leute die Pferde füttern gingen, so riefen sie bloß: "Stepiņš, bring den Pferden Wasser!" Und das Wasser strömte plätschernd in die Tröge der Pferde. Und während der Bauer das Mehl einrührte, rief der Knecht: "Stepiņš, sorge, dass die Pferde zu fressen haben!" Und das Heu erschien knisternd in der Raufe. Waren sie im Winter ins Holz gefahren, so riefen sie: "Stepiņš, fälle die Stämme!" Und die Stämme sanken wie Hanfstengl nieder. Die Leute kappten bloß die Äste und, hackten die Wipfel ab und riefen: "Stepiņš, hebe die Balken auf den Schlitten!" Und die Balken legten sich, dass der Schlitten in allen Fugen krachte. Die Leute hatten sich so an Stepiņš gewöhnt, dass sie ihn fast alle Arbeiten verrichten ließen, nur durften sie nicht über ihn spotten oder ihn necken. Wenn Stepiņš bei Nacht durch die Stube spazierte, hatte er das Aussehen des grünen Herrn, und die Weiber zischelten in ihren Betten: "Die Anderen sieden in der Hölle und dieser Junker spaziert in der Stube umher." Morgens, wenn die Frauen aufstanden, konnten sie dann weder ihre Röcke, noch ihre Bundschuhe und Strümpfe finden: Stepiņš hatte alles in den Zuber für die Spreu geworfen. Zu sehen bekam man Stepiņš in der Nacht und nur ganz ausnahmsweise einmal bei Tage. Wenn die Mädchen ihre Hemden wuschen, so kam der grüne Herr aus der Kammer, zog aus seinem gestutzten Rock ein Taschentuch und warf es mit in den Waschzuber.

Arge Quälereien gab es für die Weiber, wenn sie ihn verärgert hatten. Im Winter bei heftigem Frost öffnete Stepiņš bei Nacht alle Stalltüren sperrangelweit, mochten die Frauen sie auch abends fest verschlossen, die Spalten mit Lumpen verstopft, Kreuze zum Schutz gegen den Lietuvēns (Alb) gezogen und mit einem Ebereschenstock vom Johannistage den Riegel verfestigt haben. Des Morgens war das Vieh in einen Haufen zusammengedrängt und zitterte wie Espenlaub. Das geschah hauptsächlich mit Rücksicht auf die Bäuerin; denn wenn diese sich mit den Weibern verzankt hatte stiftete sie Stepiņš an, sie an den Weibern zu rächen, und zuletzt mussten diese, ob sie nun wollen oder nicht, sie um Verzeihung bitten.

Wie gesagt, die Ančītes wurden reich und immer reicher: die Kornkästen waren strotzend voll und die Pferde so rund, dass kein Regentropfen an ihnen haften blieb. Stepiņš fuhr überall mit, nur nicht zur Kirche. Er ging auch andernorts Arbeit verrichten. Wenn freilich der Schmied ihm zurief: "Schlag zu, fache den Blasebalg an, bring Wasser!" So konnte er das alles zugleich nicht tun.

Als nun die Ančītes durch Stepiņš reich geworden waren, wollte die Bäuerin ihn sich vom Halse schaffen, konnte dies aber auf keinerlei Weise erreichen. Da sie ihn wenigstens aus den Augen forthaben wollte, nahm sie den Lumpen mit der Kohle, trug ihn zur Korndarre fort und steckte ihn dort unters Dach, damit Stepiņš in der Korndarre hausen sollte. Darin schickte er sich. Einmal aber traf er mit der Bäuerin das Abkommen: wenn sie ihm keine Arbeit geben könne und es an Arbeit fehle, so wären ihre Tage gezählt; wenn er dagegen, ihre Aufträge auszuführen und nach ihrem Wunsch zu erfüllen, nicht imstande wäre, so müsse er fortgehen. Dann wäre der Vertrag mit dem Teufel aufgehoben, und dieser sollte weiter keinen Anspruch auf ihre Seele haben. Stepiņš bedang sich nur das eine aus, dass sie ihn nicht zum Schmiede schicken solle, denn, dem könne es nicht einmal der Teufel recht machen, der verlange dreierlei Arbeit auf einmal: zu schmieden, zu blasen und Wasser zu holen.

Als nun im Frühling alles besorgt war: die Zäune geflochten, die Gärten gepflügt, die Mistbeete besät, der Brunnen gefasst und alles bis aufs letzte fertig war, so dass schlechterdings nichts mehr zu tun übrig blieb, da ging Stepiņš zur Bäuerin in ihre Kammer und forderte Arbeit; und wenn sie keine Arbeit mehr hätte, so solle sie ihm zum Teufel folgen. Die Bäuerin erschrak und ließ den Schweinen Spülicht bringen, unterdessen riss sie sich eins ihrer krausen Haare aus und gab es Stepiņš: das solle er grade machen. Ach, du meine Güte! Drei Tage arbeitete er daran herum, streckte und nässte es, aber alles war umsonst, er konnte und konnte das Haar nicht gerade kriegen. Da auf einmal fiel ihm der Schmied ein, der, wenn er einmal das Eisen glühend gemacht habe, alles gerade kriege. Stepiņš nahm Eisen, glühte es rot, legte das Haar darauf und wollte es mit dem Hammer gerade klopfen. Aber umsonst: auf einmal rollte sich das Haar unter Gezische zusammen. Stepiņš sprang vor Furcht aus dem Fenster und eilte zur Korndarre. Seitdem soll er nicht wieder in die Stube gekommen sein, sondern sich nur noch in der Korndarre aufgehalten haben. Niemand soll mehr gesehen haben, dass Stepiņš in der Nacht von dem Nachbar heimgeeilt kam, wie das früher im Herbst fast jede Nacht geschah. Denn Stepiņš schlich um die Schober der Nachbarn, und wenn er dann anderen den Segen geraubt und ihn Ančītes gebracht hatte, glitt er wie der Blitz bei diesen durch den Stubenschornstein nieder.

Nach geraumer Zeit, etwa zwei bis drei Jahren — es war zu Ostern, gerade um die Zeit, wo man Gerste sät, und die Leute aus D. fuhren Kies auf die Fahrstraße —, zog ein Unwetter auf, und der Regen ergoss sich in Strömen. Die Leute hielten ihre Pferde an und eilten zu Ančītes Korndarre, um dort abzuwarten, bis sich das Unwetter verziehen würde. Da schlug plötzlich der Blitz gerade in den First der Korndarre, und man sah einen Ziegenbock aus der Korndarre zu Badestube davonlaufen. Dann schlug der Blitz abermals ein, diesmal in die Badestube, und wieder sprang der Bock heraus und in den Gartenbrunnen. Danach schlug er zum drittenmal, diesmal in den Brunnen ein und verschüttete ihn. Seit der Zeit hat niemand Stepiņš wiedergesehen.

Vor etwa 40 Jahren, als mein Vater im Ančītes-Gesinde lebte, zeigte er mir den Brunnen, in dem Stepiņš erschlagen worden war. Das Loch war, wenn man hineinstieg, nur mäßig tief. Ohne an etwas Übel zu denken, stieg ich hinunter, aber mein Vater schalt mich und verbot mir, dort hineinzusteigen, indem er sagte: "Hör mal, lieber Sohn, man darf nicht an eine Stelle gehen, wo ein unsauberer Geist begraben ist, lieber macht man einen Umweg und betet dabei einen Teil des Vaterunsers."

Ich habe nur ein Jahr mit der Tochter jener Livländerin, in deren Dienste Stepiņš gestanden hatte, zusammen gewohnt. Denn zu der Zeit, als mein Vater dorthin zog, war die Livländerin schon tot, und auch ihre Tochter war nicht als Bäuerin an ihrer Mutter Stelle. Die Bäuerin stammte aus dem O. Gesinde, aber auch sie war eine große Zauberin, heilte die Wunden der Leute und raubte, wie man sich erzählte, den Kühen den Rahm. Am Karfreitag Abend soll sie die Fellhaare verschiedenen Tiere zusammen mit Nadeln in der Handmühle zermahlen haben.

Die Redensart: "Stark wie Ančītes Stepiņš" ist noch heutigen Tags in der Leute Mund. Wenn einer eine schwere Last allein hebt oder sonst eine schwierige Aufgabe bewältigt, pflegt man zu sagen: "Der ist so stark wie Ančītes Stepiņš!"

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