Das Anschaffen des Drachen und seine Tätigkeit (Wirksamkeit)

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Comments: Mārtiņš Lapa wird wohl diese Sage selbst ausgeschmückt haben, aber sie nicht selbst ausgedacht haben. Viele überflüssige Einzelheiten sind weggelassen worden. P. Š.


Ein Gutsherr befahl den Bauern seiner Gemeinde sein Korn nach Riga zu bringen und es dort zu verkaufen. Damals fuhr man aus entfernteren Gegenden Lettlands nach Riga gut zwei Wochen, deshalb machte man solche Fahrten auch nur sehr selten, eigentlich nur dann, wenn die Herren befahlen, die Erzeugnisse ihrer Güter zum Verkauf zu bringen und dafür Sachen einzukaufen, die die Herrschaften zum Leben nötig hatten. Damals hatten viele Letten ein ganzes Leben verbracht, ohne jemals Riga gesehen zu haben, deshalb galten die Männer, die schon zwei oder dreimal in Riga gewesen waren, als solche, die viel gesehen und viel erlebt hatten.

Unter den Bauern waren zwei, deren Pferdchen sehr schwach waren, so dass die anderen davon sprachen, dass sie die Heimfahrt wohl nicht mehr überstehen werden und dass man sie am Waldrand zum Fraße für die Wölfe wird lassen müssen. Die beiden Bauern waren die ärmsten der ganzen Gemeinde. Sie hatten bereits bis Weihnachten alles verbraucht, was ihre kleinen Äcker ihnen gebracht hatten, so dass sie sich fortan von dem nähren mussten, was der Herr aus Gnade ihnen aus seinen reichen Vorräten überließ. So wurden sie mit jedem Jahr ärmer und sahen ohne Hoffnung einer endgültigen Vernichtung entgegen.

Aber sie hatten gehört, dass man in Riga Drachen kaufen könne, die Geld und Gut ins Haus brächten.

"Wenn wir nur wüssten, wo man in Riga solche Drachen kaufen kann", sagte der Eine zum Anderen.

"Gut wäre ja ein solcher Drache, aber wer wird es einem armer Mann sagen, wo man ihn bekommt!" antwortete der Andere.

Da kam ein sonderbarer Herr auf sie zu und sagte: "Gevatter, ihr wollt gewiss Drachen kaufen, nicht wahr?"

"Wahr ist es, wir haben davon gesprochen", antwortete der eine Bauer.

"Ich bin ja selbst der Drachen-Herr, kommt nur mit mir mit, antwortete der sonderbare Herr.

Die beiden Bäuerlein folgten dem Herrn, der der Teufel selbst war. Er brachte sie weit zur Vorstadt hinaus und führte sie in ein kleines altes Haus. Dort machte der Herr Feuer in einem großen Ofen an, und als das Feuer bereits munter prasselte, sprach er zu den beiden Bäuerlein: "Ich will euch nicht betrügen, deshalb will ich erzählen, was euch erwartet. Die Drachen könnt ihr von mir umsonst bekommen, aber nach eurem Tode wird es euch ergehen wie diesem Geldstück", Bei diesen Worten zog der Herr ein heißes Eisen aus dem Feuer und legte ein Geldstück darauf, das zu zischen und zu hüpfen begann.

Das eine Bäuerlein dachte: "Mag es mir nach dem Tode ergehen wie es will, wenn ich nur in diesem Leben noch gute Tage haben kann!" Er war einverstanden, aber das andere Bäuerlein antwortete: "Nein, wenn ich um dieses Lebens willen meine Seele verkaufen soll, dann will ich lieber ohne Drachen bleiben und — wenn Gott es so beschlossen haben sollte — auch den Hungertod sterben."

"Wenn nicht, denn nicht", sagte der Herr gleichgültig.

Als der Bauer, der keinen Drachen haben wollte, fortgegangen war, übergab der Herr dem anderen Bauern ein Säckchen, indem er sagte: "In diesem Sack sind zwei Drachen. Der eine wird dir ein ergebener Diener sein, der andere wird Geld und Gut herbeischaffen, soviel du nur haben willst. Den Diener sollst du im Haus hinter dem Ofen halten, den anderen bringe in die Klete (das Vorratshaus). Der Diener heißt Juris, der andere — Rubis. Auf dem Heimweg fuhr der Drachenbesitzer als letzter und blieb absichtlich hinter den anderen Fuhrleuten zurück, denn er wolle gern sehen, wie seine Drachen aussahen. Als er das Säckchen öffnete, fand er darin nichts anderes, als ein Stück Ziegelstein und ein morsches Stückchen Holz. Darüber wurde er sehr ärgerlich, denn er glaubte, der Drachenverkäufer, hätte ihn nur zum Besten halten wollen. Er warf den Ziegelstein und das Holzstück in den Straßengraben, aber das Säckchen behielt er. Abends, nun setzte sein Pferdchen den Weg nur noch langsam und müde fort und blieb bald vor Schwäche ganz stehen. Es ließ sich auch durch Peitschenhiebe nicht aufmuntern. Die anderen Fuhrleute waren schon so weit voraus, dass man sie weder sehen noch zu Hilfe rufen konnte.

"Das ist aber ein Elend!" rief der arme Bauer aus, "was soll ich jetzt nur anfangen?"

Auf einmal erblickte er zwei kleine Burschen, die ihn fragten: "Bauer, warum hast du uns in den Graben geworfen?"

"Wer seid ihr denn?" fragte der Bauer mürrisch.

"Wir sind deine neuen Knechte — Juris und Rubis?" antworteten die Burschen. Während der Bauer sich noch über die Worte der beiden Buben wunderte, verwandelten die sich in Ziegelstein und Holzstück. Der Bauer hob sie auf und steckte sie wieder in das Säckchen zurück. Auf einmal war sein Pferd wieder zu Kräften gekommen und trabte munter voran, so dass er seine Weggenossen bald eingeholt hatte. Aber er erzählte ihnen nichts von seinem Missgeschick.

Zu Hause angekommen, versteckte der Drachenbesitzer, ohne das jemand es bemerkte, den Ziegelstein hinter dem Ofen; das morsche Holzstück brachte er in sein Vorratshaus und schob es unter eine leere Mehltruhe, die in der Ecke stand.

Als der Bauer am nächsten Morgen in das Vorratshaus ging, um zu prüfen, wie viel Mehl er noch vorrätig hatte, sah er, dass fast alles Mehl schon verbraucht war.

"Ach, du liebe Not, was sollen wir nur den ganzen Sommer über essen?"

Da berührte etwas Lebendiges seine Beine. Er sah hin und erblickte einen schwarzen, dicken Kater, der freundlich um seine Beine strich.

"Wer bist du denn und wie bist du hier hereingekommen?", fragt der Bauer.

"Ich bin dein Diener Rubis" antwortete der Kater. "Was befiehlt mein Bauer, dass ich jetzt tun soll?"

Der Bauer hatte seine Drachen ganz vergessen, denn er hatte nie recht geglaubt, dass sie ihm helfen könnten.

"Wenn du nun wahrhaftig ein Drache bist und mir etwas Gutes tun kannst, dann fülle mir diese leere Mehltruhe mit Brot Mehl", sagte der Bauer.

"Das werde ich in der nächsten Nacht besorgen", sagte der Kater und verschwand unter die Truhe.

Am nächsten Morgen begab sich der Bauer in das Vorratshaus, um sich zu vergewissern, ob der Drache seine Aufgabe erfüllt haben werde. Und wahrhaftig! Die Mehltruhe war mit dem schönsten Roggenmehl gefüllt.

Nun glaubte er wirklich, dass er einen Drachen zu Hause hatte. Der Bauer befahl jetzt dem Drachen, alle Verschläge mit Korn zu füllen, und gleich am nächsten Tag waren sie mit Roggen, Gerste und Hafer gefüllt, alles von der besten Sorte. Als die Bäuerin das sah und sich darüber wunderte, sagte der Bauer, er habe einen Drachen aus Riga mitgebracht, aber sie solle schweigen und niemand davon etwas erzählen, sonst werde der Drache fortlaufen. Der Drache schaffte auch viel Geld und anderes Gut ins Haus.

Der Drachenbesitzer half auch seinem armen Nachbar zu Wohlstand zu kommen, so dass sie beide in kurzer Zeit zu den reichsten Bauern der Gegend geworden waren, worüber die Leute sich sehr verwunderten. Es gingen Gerüchte um, dass sie vergrabene Goldtöpfe gefunden hätten.

Den anderen Drachen, den er hinterm Ofen versteckt hatte, hatte der Bauer ganz vergessen. Einmal, als Kiefernholz zum Trocknen hinter den Ofen aufstapeln wollte, rollte ein Ziegelstein hervor und verwandelte sich in einen roten Kater.

"Warum denn der Bauer mir keine Arbeit geben?" fragte der Kater.

"Wer bist du denn?"

"Ich bin Juris, der Knecht des Bauern."

"So hilf der Bäuerin bei der Hausarbeit!"

Von da ab kam die Bäuerin aus dem Staunen nicht mehr heraus: alles, was sie zu tun sich vorgenommen hatte, fand sie bereits aufs beste getan. Als sie morgens in den Stall kam, sah sie, dass das Vieh gut versorgt war. Das Vieh der Bäuerin und die beiden Pferde des Bauern waren in kurzer Zeit zu Kräften gekommen.

Eines Tages bekam die Bäuerin vom Gut fünf Pfund Flachs zum Verspinnen. Das Spinnen für den Gutshof machte den Bäuerinnen immer Sorgen. Am nächsten Morgen fand die Bäuerin, dass der Flachs bereits zu Garn versponnen war, zu einem so feinen Garn, wie sie selbst es nie vermocht hätte. Da war die Bäuerin sehr froh, dass ihr die schwierige Arbeit abgenommen worden war. Jetzt wollte sie ans Verspinnen ihres eigenen Flachses gehen. Aber als sie ihren Flachs gekämmt, geschnitten und zu Docken geflochten, als sie ihr Werg ordentlich auf die Börde im Vorratshaus gestapelt hatte, fand sie bereits am nächsten Morgen alles zu Garn versponnen. Kurz darauf war alles Garn zu Leinwand verwoben. Als nun die Bäuerin über die wundersam verrichteten Arbeiten staunend dem Bauer erzählte, antwortete er lächelnd: "Das alles macht mein Knecht Juris."

Einmal bekam der Bauer einen Befehl vom Gutsherrn, gleich am nächsten Tag einen Mann und ein Pferd zu stellen, um zusammen mit anderen dazu bestellten Bauern Balken für das Gut zu sägen und zu fahren. Da sprach der Bauer leise zu seinem Drachen: "Juris, möchtest du nicht morgen Balken aufs Gut fahren?" "Warum denn nicht?" antwortete der Ziegelstein hinter dem Ofen. Am nächsten Morgen verwandelte sich der Drache Juris zu einem schmächtigen Bürschchen und fuhr mit einem prächtigen Pferd zu der Stelle, an der die Balkenfahrer sich versammeln sollten. Alle wunderten sich, dass man einen unausgewachsenen Burschen zum Balkenfahren geschickt hatte, aber niemand wusste zu sagen, von welchem Hof er geschickt worden war, denn niemand kannte den Burschen und das Pferd.

Der Vogt, der vom Gut geschickt worden war, die Arbeit einzuteilen, bemerkte ebenfalls das Bürschchen und fragte:

"Von welchem Hof kommst du?"

"Vom Strautiņi-Hof", antwortete der Bursche.

"Und was wirst du hier tun?"

"Das gleiche was die anderen auch: ich werde Balken zum Gutshof fahren."

"Wirst du denn, Kind, einen Baum fällen können?"

"Das ist meine Sache, nicht deine!"

Über eine so unverschämte Antwort, die kein anderer zu geben gewagt hätte, war der Vogt sehr erbost, lief auf Juris zu und schrie ihn an:

"Ich werde dich lehren, so frech zu reden, du Grünschnabel!"

"Du bist ja selbst ein Grünschnabel!" antwortete Juris.

"Da hast du es, du Grünschnabel!" schrie der Vogt und versetzte dem Burschen einen kräftigen Schlag mit seinem Stock, aber gleich darauf schrie er selbst auf: "Aua!"

Da wurde der Vogt noch wütender und gab dem Burschen einen noch kräftigeren Schlag, wonach er selbst noch lauter "Aua!" rufen musste.

Juris hatte es so gemacht, dass die Schläge nicht dem Geschlagenen, sondern dem Schläger selbst wehtaten.

"Warte du, Spitzbube, dich werde ich heute Abend beim Herrn verklagen und ihn bitten, dich ordentlich auspeitschen zu lassen!" sagte der Vogt zähneknirschend und wies dem Burschen den dicksten Stamm zum Fällen zu.

Der Bursche hatte den Baum sehr schnell gefällt und hob ihn ganz allein auf den Lastschlitten. Sein prächtiges Pferd zog es mit Leichtigkeit aus dem Walde.

Die anderen Männer waren noch immer beim Bäume schlagen, und Juris ging zu dem Mann des Nachbarn seines Bauern, um ihm beim Fällen zu helfen. Schnell säuberte er den Stamm von den Ästen, schlug ihm mit der Axt das dünne Ende ab und hob den Balken mit Leichtigkeit auf den Lastschlitten. "Kein Wunder, dass der Strautiņi-Bauer ein wohlhabender Mann geworden ist, da er einen so tüchtigen Knecht hat", sagte ein Bauer zum anderen.

Als die Balkenfahrer auf den Gutshof kamen, zeigte der Vogt ihnen, wo sie die Balken abladen und aufstapeln sollten, dann eilte er sogleich zum Herrn und beklagte sich bei ihm, dass der Strautiņi-Bursche ihn beschimpft und verspottet habe.

Der Herr befahl sogleich, den Burschen zu prügeln, aber sobald man ihn zu prügeln begann, fing der Herr an zu schreien:

"Genug, genug, nicht mehr schlagen!"

Wiederum taten dem Herrn selbst die Schläge weh, nicht dem Burschen. Nun befahl der Herr, der Strautiņi-Bauer solle aufs Gut kommen.

Als Juris nach Hause fuhr, begegnete er dem Bauern, der zu ihm sprach: "Was hast du mir nur Heute eingebrockt, Juris? Ich werde ganz gewiss heute Prügel bekommen."

"Fürchte dich nicht unnötig, es wird alles gut werden!" tröstete Juris den Bauer.

Der Herr hatte befohlen, den Bauern zu prügeln, aber, da er selbst die Schmerzen verspürte, musste man mit dem Prügeln aufhören.

Seit der Zeigt wagte der Vogt es nicht mehr, Leute mit dem Stock zu schlagen, und auch der Herr ließ niemanden mehr prügeln. Den Strautiņi-Bauern aber machten seine beiden Drachen reich und glücklich.

Als sein Nachbar ihn einmal daran erinnerte, er habe seine Seele um der Drachen willen an den Teufel verkauft, antwortete er:

"Der Teufel kann mir nichts anhaben, ich habe keinen Vertrag unterschrieben."

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