Der Drache wird angehalten

From Pasakas un teikas
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Es lebten einmal in alter Zeit zwei Brüder. Beide waren Bauern, aber beide hatten nicht das gleiche Glück. Der eine war sehr wohlhabend, der andere dagegen, der fleißig und arbeitsam war, kam und kam nicht auf den grünen Zweig. Er arbeitete soviel er nur vermochte, seine Felder waren nicht unfruchtbar, dennoch kam er keinen Schritt voran, während der Reichtum seines Bruders sich mehrte. Beide säten gleich viel Korn aus, beide ernteten gleich viel, beide verbrauchten gleich viel, dennoch wurde das Vorratshaus des jüngeren Bruders bald leer, während im Vorratshaus des älteren Bruders noch Korn aus den Vorjahren lag. Schließlich begann der jüngere Bruder der Sache auf den Grund zu gehen und erfuhr, dass der ältere Bruder einen Drachen besaß. Nun fing er an, seine Klete (sein Vorratshaus) besser zu bewachen und merkte bald, dass ihm jede Nacht Korn, meist Roggen verschwand. Er hatte ganz richtig erraten, dass der Drache seines Bruders es fortschleppte. Um die Sache zu prüfen, schüttete er grüne Tannennadeln auf sein Korn aus. Am anderen Morgen schaute er nach: ja, man hatte wieder Roggen samt Tannennadeln fortgetragen. Als er das Vorratshaus seines Bruders betrat, fand er dort seinen mit Tannennadeln vermischten Roggen. Er sprach darüber mit seinem Bruder. Aber sein Bruder leugnete es und beteuerte, dass es völlig unmöglich sei, dass sich sein Roggen in seinem, des Bruders, Vorratshaus befinden könnte, denn sein Gesinde könne bezeugen, dass niemand in der Nacht die Tür des Vorratshauses aufgeschlossen habe. Als nun der ältere Bruder nicht bereit war, die Wahrheit zu sagen, dachte der jüngere Bruder bei sich: "Warte nur, mein guter Bruder, ich werde schon noch deinen Drachen in meinem Vorratshaus erwischen. Und dann werde ich ihm eine solche Lehre erteilen, dass er sich in meiner Klete nicht mehr zeigen wird." Wie gedacht, so getan. In der nächsten Nacht nahm er seine Doppelflinte, lud sie mit Blei und mit Silber (den anderen Lauf) und stellte sich in einen dunklen Winkel, wo er auf den Drachen wartete. Es konnte um die Mitternacht sein. Da sieht er, dass das Dach sich öffnet und der Drache wie eine Feuerflamme hereingeflogen kommt. Er stellt ein kleines Licht auf den Rand des Kornverschlages, öffnet einen feinen ledernen Sack, den er mitgenommen hatte, und beginnt das Korn in den Sack zu schaufeln. Sobald der Drache seine Tätigkeit beginnt, feuert der jüngere Bruder Blei auf ihn ab. Aber der Drache lässt sich gar nicht stören. Als der Bruder jedoch die Silberladung auf ihn abfeuerte, da flog der Drache zum Dach hinaus und ließ seinen ledernen Sack zurück. Der Bruder besah sich den Sack und stellte fest, dass er aus einem sehr feinen Leder gemacht war und dass in ihn gut drei Lofmaß hineingingen. Er wickelte sich den Sack um den nackten Leib, damit der Drache seines Bruders ihn nicht holen konnte. So trug er ihn lange Zeit. Als er aber eines Tages zur Badestube gehen wollte, musste er natürlich die Kleider ausziehen und auch den Sack abwickeln. Er legte den Sack unter sein Hemd. Als er sich gebadet und gewaschen hatte und sich wieder anziehen und auch den Sack des Drachen wieder um seinen Leib wickeln wollte, war der Sack verschwunden. Obwohl der Drache des Bruders den Sack geholt hatte während er sich wusch, so hatte er doch künftig Ruhe vor dem Drachen. Von der Zeit an mehrte sich sein Wohlstand.

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