Der Roggen-Ruņģis

From Pasakas un teikas
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Zwei Bauern, die in bitterer Armut lebten, sprachen miteinander, wie sie wohl am schnellsten zu Besitz und Reichtum gelangen könnten. Zuletzt rief der Eine: "Weißt du was, Bruder, mir ist ein Gedanke gekommen: Wollen wir Morgen an den Strand zum Eisenhut fahren und uns Roggenkobolde kaufen. Jeder Roggenkobold kostet einen vollen Dukaten, aber dann kann uns im Kornkasten nie der Segen fehlen." Am Morgen fuhren beide Bauern zum Eisenhut. Im Hofe sahen sie zwei gemästete Schweine von der Größe eines Füllens. "Siehst du, Bruder, was für Schweine der in seinem Hof hat, unser Pferd ist ja nicht so groß." — "Ja, die können sich freilich sehen lassen."

Sie treten also beim Eisenhut ein und baten ihn, er möge jedem von ihnen einen Roggenkobold verkaufen. Der Eisenhut entgegnete ihnen barsch: "Ihr Otterngezücht, ihr fahrt aus, um zu Besitz zu gelangen, und wundert euch über den Besitz anderer. Wenn ihr jeder einen goldenen Dukaten habt, so könnt ihr Roggenkobolde haben." Die Bauern zogen jeder seinen Dukaten aus der Tasche und gaben sie dem Eisenhut. Der, griff nach den Dukaten, warf sie in den brennenden Backofen und sagte: "So werden eure Seelen braten, wie diese Golddukaten." Aber die Bauern antworteten: "Seelen hin, Seelen her, wenn nur der Leib es gut hat." — "Nun, gut, hier ist für jeden von euch ein kleines Gefäß; aber schaut nicht eher hinein, als bis ihr zu euren Frauen gesagt habt: "Frau, der Teufel ist in deinem Herzen!"

Die Bauern nahmen ihre Gefäße, setzten sich in ihre Wagen und fuhren nach Hause. Unterwegs bemerkten sie, dass ihre Pferde, die sich vorher nur mit Mühe und Not fortgeschleppt hatten, sich in feurige Hengste verwandelt hatten. Die Hengste liefen im Galopp, als wenn ihnen der leibhaftige Teufel auf den Fersen wäre. Da sagte der eine Bauer: "Hör mal, Bruder, ehe ich meiner Seele nach dem Tode Qual verursache, werfe ich doch lieber meinen Kobold fort, dass er hingehe, woher er gekommen ist." Und wirklich warf er ihn fort, der Andere aber wollte nichts davon wissen. Kaum war der Kobold hinausbefördert, da lag der feurige Hengst mitsamt dem Wagen und dem Bauer, patsch!, im Graben, und nun wurde er plötzlich zusehends magerer und schwächer, bis er so hinfällig war, dass man nichts mehr mit ihm anstellen konnte. Der andere Bauer war mit seinem Hengst schon längst zu Hause, während sich dieser erst nach geraumer Zeit heimschleppte. Zu Hause erzählte er seiner Frau, wohin er gefahren war, was er erlebt und ausgerichtet hatte. Die Frau fiel ihm voller Freude um den Hals und sagte: "Das war vernünftig, Männchen: lieber arm mit Gott, als mit dem Teufel reich." Während sie so sprach, kam ein kleines Kind, nackt und verfroren, herein, und bat unter heißen Tränen, man möchte es über Nacht beherbergen. Der Wirt aber kannte das Kind sehr gut, ergriff einen gedrehten Strick und trieb es unter tüchtigen Streichen zur Tür hinaus, indem er rief: "War es noch nicht genug, dass du mich in den Graben geworfen hast? Geh zum Neunten, von dem du gekommen bist, mich betrügst du nicht mehr!"

Der andere Bauer aber wurde von jenem Tage an durch seinen Roggenkobold so reich, wie der Teufel selbst. Er lebte wie ein Heide- prasste, soff und lästerte. Im zweiten oder dritten Jahre schickte er eines Abends seinen Knecht in die Mühle zum Mahlen und befahl ihm aufs strengste, nur im Dunkeln zu mahlen, Feuer dürfe er nicht anmachen. Der Knecht mahlte und mahlte, aber das Korn Maß wollte und wollte nicht abnehmen. "Hol es der Teufel!," dachte der Knecht, "ich muss doch einen Kienspann suchen und nachschauen, was das denn für ein Spuk ist." Er steckte einen Span an, und nun sah er: Am Rande des Getreidemaßes lag ein Ding wie eine eiserne Fessel. Sofort merkte er, was da zu tun war, lief zur Tenne, holte einen Knittel aus Ebereschenholz und gab dem Getreideschütter eins ins Genick, dass er Gott weiß wohin verschwand. Nun mahlte er weiter, und sieh da, das Maß war im Nu fertig.

Zu Hause warf der Knecht das Mehl hin und sagte dem Wirt, dass er fertig sei. Als die Wirtin das hörte, stieß sie ihren Mann in die Seite: "Hör doch, er ist schon fertig; geh doch hin und sieh, er hat gewiss unseren Kobold erschlagen." Der Wirt eilte in den Speicher und fand nur den Rock des Kobolds, dieser war nicht mehr zu sehen, er war fortgelaufen.

Von Stund an verarmte der Bauer, der den Roggenkobold beherbergt hatte, so sehr, dass er im Alter keine Kruste mehr zu nagen hatte. Der Andere dagegen, der den Kobold hinausgeworfen hatte, wurde immer wohlhabender, bis er zuletzt der reichste Mann in der ganzen Gegend war.

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