Gott

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Wenn auch der Gott oder der Himmelsvater der lettischen Volksüberlieferung nicht leicht vom christlichen Gott zu unterscheiden ist, so bestehen doch keine Zweifel daran, dass er zu Beginn ein heidnischer Gott des Himmels gewesen ist. Schon Wilhelm Mannhardt, 1831–1880, kam zu der Erkenntnis, dass die Söhne des Gottes der lettischen Volkslieder den griechischen Dioskuren entsprachen, welche die Söhne des Himmelsherrschers Zeus (Zeus — patēr) und nicht die Söhne Gottes (theos) waren. Zeus wiederum entspricht dem lateinischen Jupiter (Jupiter, Diespiter, Deus pater) und dem altindischen Djauspitar: Alle drei sind sie Himmelsväter oder Himmelsgötter. Jupiter wurde auch im Sinne des offenen Himmels benutzt (sub Iove, unter offenem Himmel). Da die Göttersöhne eine Übereinstimmung aufweisen, können auch ihre Väter nicht voneinander getrennt werden. Das bezeugt auch die Sprachforschung. Sowohl der lettische „Dievs“ (litauisch: Dievas, preuß.: Deiwas), als auch, der griechische Zeus-pater, der lateinische Jupiter und der altindische Djauspitar sollen aus der gleichen Wurzel *d e i — leuchten — hervorgegangen sein (Walde Vergleichendes Wörterbuch, 1.772­­–774). Aus derselben Wurzel sind noch andere Wörter entstanden, die gewöhnlich Licht, Himmel und Tag bedeuten. Die lettische Sprache hat noch jetzt die Erinnerung an die enge Verbindung von Gott und Himmel nicht verloren, denn von der untergehenden Sonne pflegt man zu sagen „iet Dievā“ oder „iet pie Dieva“ sie „geht in Gott ein“ oder sie „geht zu Gott“. Die baltische Bezeichnung „Dievs“, in der alten Aussprache „Deivas“, ist in alter Zeit auch in die finnischen Sprachen eingegangen (finnisch: taiwas, estnisch: taevas, livisch: tövas), wo das Wort den Himmel bedeutet. Die Litauer sollen — wie mir Prof. Wolters mitteilt — den Ausdruck „Dievas žiba“ (Gott leuchtet) kennen, was Wetterleuchten bedeutet.

Die Vertreter des einseitigen Animismus oder Manismus kommen hier mit dem Einwand, dass der Gott der Märchen und der Sagen ein hilfloser alter Mann oder ein alter Bettler sei, der zum Himmel eigentlich keine Verbindung habe. Die abstrakten Begriffe würden auch gewöhnlich mit der Zeit aus konkreten Begriffen gebildet, so dass der konkrete Alte, der auf der Erde wandelt, viel ursprünglicher sei, als der unsichtbare Himmelsgott. Im Lichte des modernen Denkens scheint eine solche Auffassung berechtigt zu sein, aber die Denkweise des vorgeschichtlichen Menschen war anders. Bei allen Völkern, deren Mythologie uns bekannt ist, finden wir die Auffassung, dass der Himmel der Vater, die Erde die Mutter seien. Es ist nichts Sonderbares, wenn man Himmel und Erde durch Menschengestalten ausdrückt (mit Menschen vergleicht), denn wir haben genug Märchen und Sagen, in denen nicht nur verschiedene Tiere, sondern auch Bäume und Steine die Sprache der Menschen sprechen. Deshalb können wir mit Sicherheit behaupten, dass der Himmelsvater und die Erdmutter zu den ältesten und konkretesten Gottheiten der Menschheit gehören. Sollte Gott als der Herrscher des Himmels aus der Seele eines verstorbenen Menschen entstanden sein, dann wäre er eine Abstraktion, die aus der Kombination mehrerer Umstände entstanden wäre. Zuerst hätte man unter den Manen, die gewöhnlich als böse und gefährlich betrachtet wurden, ein gutes Exemplar auswählen müssen. Zweitens: Man hätte diese gute Seele zu einem Geist

erheben müssen. Drittens: Dieser Geist hätte zu einem Himmelsherrscher oder Gott erhöht werden müssen. Aber wo gibt es ein Beispiel in der Mythologie eines Volkes, dass ein Toter zum Gott des Himmels erhöht worden wäre? Die Chinesen haben zwar eine Sage, laut der, der Himmelsgott Chiang-di oder Tien einen Helden, der nach Christus gelebt hat, zum Donner-Gott erhoben habe. Ähnliches hört man auch von anderen, weniger bedeutenden chinesischen Gottheiten. Aber solche Götter erscheinen schon im frühesten chinesischen Schrifttum und mitunter gut tausend Jahre vor der Geburt des erwähnten Helden. Dass aber auch Chiang-di selbst auf diese Weise entstanden wäre, das hat man nie gehört. Man sieht deutlich, dass der Ahnenkult in China sich immer mehr erweitert hat, deshalb müssen wir das Ursprüngliche von dem neu hinzugekommenen in diesen Überlieferungen zu unterscheiden suchen. Nur aufgrund einer Theorie und ohne bezeugende Tatsachen können wir nicht die chinesischen Verhältnisse auf die lettische Mythologie anwenden.

Wir dürfen auch nicht vergessen, dass auch die Auffassung des Animismus nicht unverändert geblieben ist: Die späteren Vertreter des Animismus hielten die Götter nicht mehr für die Seelen Verstorbener, sondern für seelenähnliche Wesen.

Wir wollen jetzt die Frage untersuchen, wie der Kult des Himmelsvaters sich nach und nach entwickelt hat. In der Vorgeschichtlichen Zeit ähnelten die Gottheiten des vorgeschichtlichen Menschen den Menschen selbst. Die Götter waren nicht böse von Natur aus, aber sie konnten zornig, neidisch und grausam sein. Eine bereits weiter entwickelte Auffassung finden wir bei den Giljaken. Ihre niederen Geister wollen den Menschen Schaden zufügen, deshalb muss man sie mit Opfern versöhnen, der Himmelsvater dagegen ist gut und verlangt von den Menschen keine Opfer. Weiterentwickelt hat sich der chinesische Gott Chiang-di oder Tien, in der Volkssprache meist der Himmelsvater genannt. Dieser Gott wandelt laut den chinesischen Überlieferungen nicht auf der Erde; er zeigt sich den Menschen manchmal im Traum, manchmal im Himmel. Das einfache Volk ist nicht würdig, sich mit Gebeten oder Opfern an Chiang-di zu wenden, das steht nur dem Kaiser oder dem Himmelssohn zu. Die konservative Lehre des Konfuzius hat noch einen ziemlich ursprünglichen Kult des Himmelsvaters erhalten. Weiterentwickelt hat sich auch der Zeus der Griechen, der sich zwar gewöhnlich auf dem hohen Olymp aufhält, sich aber auch oft den Menschen auf der Erde zeigt. Er ist nicht frei von den menschlichen Leidenschaften und nimmt gern Opfer und Gebete an.

Etwas ähnlich Zeus, aber schon unter dem Einfluss der christlichen Lehre verwandelt, ist der Gott oder der Himmelsvater unserer Volkslieder. Dieser Gott ähnelt sehr dem Bojaren oder einem reichen Bauer. Er besitzt schöne Pferde. Oft reitet er, selten fährt er. Er trägt einen weiten grauen Mantel, einen Gürtel um die Mitte und ein Schwert an der Seite. Er bewirtschaftet einen Bauernhof, obwohl er selbst im Himmel lebt. Wenn in einem Liedchen (33652) Gott ist „ein kleiner Mann“ und in einem anderen (11776) geht er „als Knecht“, während die „liebe Māŗa“ als „Magd“ dient, so sind es Ausnahmen, in denen sich bereits die christliche Demut bemerkbar macht. In den Sagen und Märchen der Chinesen, der Mongolen, der Mandschuren und der Tungusen habe ich nie gefunden, dass eine Gottheit sich in der Gestalt eines hilflosen Alten oder eines Bettlers gezeigt hätte. Auch im Alten Testament zeigt sich Gott nie als armer alter Mann oder Bettler. Der Jesus des Neuen Testaments ist zwar der Sohn eines einfachen Tischlers, aber als Bettler hat er sich nie ausgegeben. Der kluge Odysseus von Homer verkleidet sich zwar zu einem Bettler, aber die griechischen Götter tun es nicht. Wenn Gott in unseren Märchen und Sagen — ähnlich wie in den westeuropäischen Volksüberlieferungen — gewöhnlich wie ein alter Mann oder ein Bettler auftritt, so geschieht es, wie schon gesagt, unter dem Einfluss der modernen christlichen Demut.

In den Volksliedern wird Gott dagegen nie als Bettler bezeichnet. Wir haben keinen Grund, den modernen Märchengott in Bettlergestalt als eine Gottheit aus der heidnischen Zeit der Balten aufzufassen. Wir dürfen nicht glauben, dass die Letten im Verlauf von 8 Jahrhunderten die christliche Kultur nicht angenommen und ursprünglichere Gestalten in ihren Sagen und Märchen erhalten hätten als die, welchen wir in den Überlieferungen der Mongolen und Tungusen begegnen.

Man kann in wissenschaftlichen Schriften nie genug davor warnen, den Romantismus der modernen Zeit auf die Denkweise der vorgeschichtlichen Menschen zu übertragen. Gut bekannt ist uns das Volkslied, in dem auf dem Grab des ertrunkenen Töchterleins eine Blume oder eine junge Linde gepflanzt wird, aus deren Holz der Bruder eine Kokle[1] anfertigt. In den Klängen der Kokle erkennt die Mutter die Stimme ihrer verstorbenen Tochter. Dieses Lied ist in ganz Europa sehr populär. Seinerzeit wurde die Auffassung laut, dass das Lied wahrscheinlich schon zu der Zeit entstanden sei, als die indoeuropäischen Völker noch eine gemeinsame Sprache sprachen. Jetzt wissen wir, dass das genannte Lied eine Romanze ist, die irgendwo im Süden Europas -wahrscheinlich kaum früher als im 16. Jh.- entstanden ist. In der vorgeschichtlichen Zeit war es wohl auch nicht Brauch, Blumen oder Bäume auf den Gräbern zu pflanzen. Auch unsere Volkslieder bezeugen, dass die Toten in der Nähe des Hofes begraben wurden, meist auf einem Sandhügel, auf dem auch Schweine und Schafe geweidet wurden. So hat man auch in diesem Falle ein verhältnismäßig junges Lied als eine Überlieferung aus der vorgeschichtlichen Zeit angesehen, die Phantasie des Dichters für ein Mythos aus der Vorgeschichte gehalten. Das Eingehen der Seele in einen Baum können wir uns auch in der Vorgeschichte vorstellen, aber nicht in der Art, wie die Romanze es schildert.

Stark verwurzelt ist bei uns die Ansicht, Pērkons (=der Donner) sei der höchste Gott der Letten gewesen; Der Gott der Volksüberlieferungen oder der Himmelsvater sei jedoch nur ein Begriff der christlichen Lehre. Dieses Missverständnis ist leicht zu erklären. Das lettische Wort „Dievs“ gleicht in der Aussprache und in der Bedeutung dem lateinischen „deus“, deshalb wurde er für den Gott der christlichen Glaubenslehre gehalten. Wenn Dievs aber ein Begriff der christlichen Glaubenslehre war, so musste man nach der höchsten Gottheit der heidnischen Zeit suchen. Die Einwanderer aus Deutschland wussten, dass der höchste Gott der slawischen Völker Perun gewesen sei, der große Ähnlichkeit mit dem lettischen Pērkons hatte. So war die Ansicht, dass Pērkons die höchste Gottheit der alten Letten gewesen sei, schnell begründet. Doch sind sich die Wissenschaftler darüber, ob Peruns wirklich die höchste Gottheit der Slaven gewesen sei, noch gar nicht einig. Es liegen keine überzeugenden Zeugnisse vor, dass irgendein Volk gerade den Donner (Pērkons) als seine höchste Gottheit verehrt hätte. Auch in den lettischen Volksüberlieferungen finden wir keinen Anhaltspunkt für die Ansicht, dass Pērkons der höchste Rang unter den Gottheiten gehört hätte. Sobald in den Volksliedern Gott und Pērkons zusammen genannt werden, nimmt Gott immer den höchsten Rang ein. Im Zusammenhang mit der Himmelshochzeit der Sonnentöchter werden meist nur Gottessöhne, ganz selten nur die Söhne des Pērkons genannt.

Gott als Gattungsname ist bei keinem primitiven Volk bekannt. Noch jetzt fehlt ein solcher Begriff nicht nur bei den wilden Stämmen der asiatischen Völkerschaften, sondern auch bei den Chinesen, Japanern und Koreanern. Auch auf die Ursprache der Indoeuropäer kann ein solches Wort (ein solcher Begriff) nicht bezogen werden. Der „theos” der Griechen wird jetzt als eine Anleihe angesehen und der lateinische deus ist aus Jupiter entstanden. Wir können also mit einer ziemlichen Sicherheit sagen, dass Gott als Gattungsname nicht nur bei dem baltischen Urvolk, sondern auch bei den Letten nicht bekannt war. Aber da die Letten bereits im 12.Jh. getauft worden sind und da es bekannt ist, dass der christliche Glaube andere Götter als Götzen verdammt, können wir auch nicht sagen, dass den Letten „Gott“ als Gattungsname gar nicht bekannt gewesen wäre. Doch, der eine Gott und Himmelsvater ist so tief in der lettischen Sprache und in dem Glauben der Letten verwurzelt, dass in alten und gewissenhaft aufgeschriebenen Volksüberlieferungen nirgends Götter zu finden sind. Es ist wahr, dass Kārlis Graudiņš, der die Götter aus Romuva rühmt, ein Volkslied aufgeschrieben hat, in dem es heißt: „Lasst der Götterchen gedenken.“ (B.13646, 14). Ebenso hat J. Priedītis ein Lied eingesandt, in dem es heißt: „Dank sei dem Gott (dim.) der Götter“ (B.1144) „Paldies Dievu Dieviņam“. Hierbei wollen wir nicht vergessen, dass zu Lebzeiten von Auseklis das Rühmen von Göttern ein Ausdruck des Patriotismus war, weshalb nicht nur die Feldforscher, sondern auch die Erzähler selbst davon schwärmten.

In einigen Volksliedern finden wir anstelle der Gottessöhne die Söhne der Götter, aber von den Letzteren hören wir nur zur Zeit des Götterrühmens. Solche Beispiele gibt es weder in den in älterer Zeit aufgeschriebenen Liedern noch in dem reichen Material der Folkloresammlung. Ich selbst bin einem Erzähler begegnet, der alte Überlieferungen in moderner Auffassung erzählte. Hätte ich nun die so abgeänderten Volkslieder und Sagen aufgeschrieben, wären sie dann ein sicheres Material zur Erforschung der lettischen Mythologie gewesen? Wenn man das bedenkt, so liegt die Möglichkeit nahe, dass auch Kārlis Graudiņš und J. Priedītis und der Finder der "Göttersöhne", ähnlichen Erzählern begegnet sind. Die erwähnten Abänderungen konnten auch versehentlich entstehen. Die Sammler der Überlieferungen glaubten, dass die Letten in der heidnischen Zeit mehrere Götter gehabt hätten, während der Gott als der Himmelsvater aufgrund der christlichen Glaubenslehre entstanden wäre. So ist denn auch in ein paar Sagen an der Stelle Gottes Pērkons erwähnt. Das sind keine absichtlichen Fälschungen, sondern einfach kritiklose Verbesserungen. Unsere volkskundliche Sammelstelle hat jetzt bereits das doppelte Material an Volksliedern als das, was seinerzeit Kr.Barons zur Verfügung stand. In dieser Sammlung begegnen wir weder „Göttern“ noch dem "Gott der Götter", stattdessen heißt es dort z.B. "Gottchen sag' ich meinen Dank". Schließlich können wir ja auch nicht erwarten, dass es in der großen Sammlung der lettischen Volkslieder kein Fehler seitens der Erzähler (der Sagensleute) oder seitens der Sammler vorgekommen wäre. Keinesfalls dürfen wir den Bau der lettischen Mythologie aufgrund von wenigen Ausnahmen errichten.

Professor L. Bērziņš berichtet in seiner „Geschichte der lettischen Literatur“ (I, 173), dass ihm „dieviņi“ Dim Pl. Gottchen (Götterchen) in der Gestalt (oder Bedeutung) von Manen begegnet sind. Ich möchte nicht die Richtigkeit seiner Beobachtungen bestreiten, aber es fragt sich, wie alt und wie volkstümlich diese Götter sind. Ich habe in Volksüberlieferungen z.B. Ausdrücke wie Büchse, Küche, Bräutigam, Schneider usw. gefunden, die vor nicht langer Zeit im lettischen Schrifttum aufgetaucht sind. Dass „Dieviņš” (Gott dim.)^ein viel älterer Ausdruck sein muss als die soeben erwähnten, kann nicht bezweifelt werden, deshalb konnten sie auch in echten Volksüberlieferungen, besonders Sagen vorkommen. Wir haben Berichte aus allen Teilen Lettlands erhalten, dass man noch vor nicht all zu langer Zeit an einen Steinhaufen, an einem Stein, an einem Baum oder an einer Quelle geopfert hat. Aber wem die Opfer dargebracht wurden, das weiß nur noch selten jemand zu erzählen. Um den Bericht jedoch zu vervollständigen, beginnt der Erzähler selber zu phantasieren. Der eine sagt, man habe die Opfer einem Götzen, der andere — dem Erdgott, der dritte — dem Feuer- oder dem Wassergott dargebracht, andere sprechen wiederum nur von Gott oder Gottchen noch andere von Gottchen oder Götterchen in der Mehrzahl. Wenn wir auch diese Berichte nicht als aus der Luft gegriffen betrachten können, so können wir aber auch nicht behaupten, es handele sich um ganz sichere Überlieferungen aus der Heidenzeit. Solche Berichte erscheinen erst um die Zeit des Auseklis, in älteren Schriften finden wir dagegen weder Gott noch Gottchen. Schon P. Einhorn schreibt, dass die Letten die Zeit der Manen nicht als die Tage der Götter, sondern als die „Tage Gottes“ bezeichnet hätten, die wahrscheinlich eine Zeit bedeuten, in der Gott den Manen erlaubt hatte, auf der Erde zu wandeln. Wir können leicht verstehen, dass man als Götterchen gern die Toten oder die Seelen der Verstorbenen bezeichnet, denn theoretisch ist der Manismus bei uns schon seit gut 5o Jahren bekannt. Solche Theorien übergehen leicht sowohl auf die Sammler als auch auf die Weitergeber der Volksüberlieferungen. Gleich, nachdem in unseren Zeitschriften darüber geschrieben worden war, dass Māŗa eine altlettische Göttin (Gottheit) sei, wurde mir eine patriotische Sage über Māŗa zugesandt. Aber wie schon erwähnt, Götter konnten auch rein versehentlich in die Volksüberlieferungen einsickern.

Auf Grnd von Missverständnissen ist auch die falsche Auffassung entstanden, die Letten des Altertums hätten sich schon in der heidnischen Zeit Gedanken über die Schöpfungsgeschichte gemacht und einige Götter der baltischen Stämme wären als Schöpfer betrachtet worden. Soviel ich weiß, denken noch viele asiatische Völker heute nicht, dass die Welt aus einem Nichts erschaffen worden sei. In der vorgeschichtlichen Zeit werden die Letten wohl auch so gedacht haben. Die Sagen dagegen, in denen von Gott als vom Schöpfer der Welt gesprochen wird, sind wohl später unter dem Einfluss der christlichen Glaubenslehre entstanden. Der besseren Übersicht halber können wir diese Sagen in zwei Gruppen einteilen: in der ersten Gruppe schafft Gott allein die Welt, in der zweiten wirken er und der Teufel zusammen. In der ersten Gruppe macht sich die christliche Lehre bemerkbar, in der zweiten — der Einfluss der dualistischen Lehre. Man braucht nicht zu denken, dass diese Sagen mit allen ihren Details von Nachbarvölkern übernommen worden wären. Im Allgemeinen werden diese Sagen die Frucht der christlichen Zeit, insbesondere des 19. Jhs. sein. Doch einige Motive und ätiologische Überlegungen können natürlich auch von den vorgeschichtlichen Letten übernommen worden sein. Genauso wenig brauchen wir zu denken, dass die christliche Lehre die Letten erst im 12. Jh. erreichte: Auf dem Burgberg von Daugmale hat man bronzene Kreuzchen gefunden, die uns wahrscheinlich aus Kiew oder über Kiew erreicht haben und das wahrscheinlich schon im 10. Jh. Zusammen mit den Kreuzen werden gewiss auch einige Berichte über die neue Glaubenslehre zu uns gekommen sein.

Einige Theologen glauben, dass der „Himmelsvater“ eine Bezeichnung aus der neueren Zeit sei, die aus dem christlichen Glauben übernommen wurde. Ich zweifele auch nicht daran, dass die Bezeichnung „Himmelsvater“ nicht aus der Zeit der baltischen Urvölker stammt, deshalb will ich mir auch nicht die Mühe geben, die Zeit, in der die Bezeichnung entstanden sein könnte, genau zu bestimmen. Der Himmelsvater ist jedoch kein Terminus der christlichen Glaubenslehre, denn in der Heiligen Schrift ist er nirgends zu finden. Dagegen sind Himmelsvater und Erdmutter Bezeichnungen für heidnische Gottheiten bei vielen heidnischen Völkern. Wenn wir auch sagen: „Unser Vater im Himmel“ so bedeutet das nicht, dass der Gott des christlichen Glaubens der Himmelsvater genannt worden wäre. Den Niederschreibern der Heiligen Schrift werden die heidnischen Gottheiten Himmelsvater und Erdmutter gut bekannt gewesen sein, deshalb werden sie absichtlich vermieden haben, Gott als Himmelsvater zu bezeichnen. Sollte auch der Himmelsvater bei uns erst in der christlichen Zeit und unter dem Einfluss des Christentums entstanden sein, so bleiben doch Himmelsvater und Erdmutter Bezeichnungen alter heidnischen Gottheiten, die in den christlichen Schriften nicht zu finden sind. Da aber der alte indoeuropäische Dievs „Gott“ jetzt in christlicher Bedeutung verstanden und gebraucht wird, so haben wir auch keinen Grund, den Himmelsvater aus unseren christlichen Schriften zu entfernen.

  1. kokle — lettisches Saiteninstrument analog zur finn. kantele
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