Die Teufel tragen die Menschen durch die Luft

From Pasakas un teikas
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In Litauen lebte ein reicher aber geiziger Rabbiner. Dieser ging auch zum ärmsten Juden nicht, ohne dass er ihm einen Silberrubel zahlte, wenn er einem Kinde einen Namen geben sollte. Einst fuhr ein Kutscher in einer stolzen Kutsche mit vier Rappen bei ihm vor und bat den Rabbiner mit ihm zu fahren; sein Herr bitte darum, er wolle ihm auch, ohne zu feilschen, zahlen, was er verlangen würde. Der Rabbiner fragte: "Habe ich weit zu fahren?" — "Nein, gegen vier Meilen." Der Rabbiner wunderte sich, denn er hatte- noch nichts davon gehört, dass in so naher Entfernung einem reichen Juden ein Sohn geboren sei. Er machte sich fertig, nahm sein Messer und alles übrige, was zu einer Judentaufe erforderlich ist, und fuhr hin. Der Kutscher ließ die Pferde ausgreifen, und bald langten sie bei dem Reichen an. Der Rabbiner sah, dass sie vor einem vornehmen Schlösse hielten, das er noch nie gesehen hatte. Der Herr kam ihm entgegen, führte den Rabbiner hinein und zeigte ihm seine stattliche Wohnung. Der Rabbiner freute sich und dachte: "Da werde ich einen guten Fang machen!" Dann zeigte ihm der Herr noch eine Stube, die war voll und voll mit kleinen Truhen, und in allen Truhen lag Gold- und Silbergeld. Aber nun hatte der Herr keine Zeit mehr: andere Gäste kamen vorgefahren, und er eilte ihnen entgegen.

Der Rabbiner trat unterdessen bei der gnädigen Frau ein und plauderte mit ihr. Die Frau sagte zu ihm: "Unter allen, die sich hier im Hause befinden, sind bloß ich und dieses Kindchen lebendige Menschen, alle anderen sind Geister. Wenn du die Beschneidung beendet hast, wird dir der Herr Geld anbieten. Nimm es nicht, es wäre dein Tod." Der Rabbiner erschrak und merkte nun wohl, dass es mit diesem Herrn nicht geheuer war. Da kam der Herr herein und forderte ihn auf, die Handlung zu vollziehen. Der Rabbiner führte alles aus, wie es sich gehörte. Danach führte ihn der Herr in die Geldkammer und sagte: "Raffe dir von dem Geld zusammen, so viel du magst." Aber der Rabbiner lehnte es ab, indem er sagte: "Ich will kein Geld, ich habe das alles aus gutem Herzen getan." Da sagte der Herr: "Das ist dein Glück, dass du von mir kein Geld genommen hast, sonst wäre es um dich geschehen gewesen, jetzt will ich dich entlassen."

Dann führte ihn der Herr in ein zweites Gemach, in dem viele Nägel waren, und an jedem hing ein Schlüsselbund. Da sagte der Herr zum Rabbiner: "Sieh die Schlüssel durch, und wenn du einen bekannten Bund findest, so nimm ihn mit." Der Rabbiner schaute und schaute, zuletzt fand er seinen Schlüsselbund und zeigte ihn dem Herrn. Dieser erwiderte: "Nimm diesen Bund, es sind die Schlüssel der Geizigen und Reichen." Darnach entließ ihn der Herr nach Hause. Der Rabbiner ging zu Fuß heim, aber, welch ein Verdruss: wo er hintrat, da sank er ein, so dass er gar nicht vom Fleck kam. Die ganze Nacht und den ganzen folgenden Tag plagte sich der Rabbiner im Sumpfe, bis er sich zuletzt herausarbeitete. Den ersten, dem er begegnete, fragte er gleich: "Ist es noch weit bis zur Wohnung des Rabbiners?" Aber der Begegnende kannte weder die Wohnung, noch auch solch eine Stadt. "Nun, welches ist denn die nächste Stadt?"-"Moskau." Der Rabbiner griff sich an den Kopf und konnte nicht begreifen, wie er dorthin geraten sei. Auch wusste er schlechterdings nicht, wie er wieder nach Hause gelangen sollte, denn er hatte keinen Groschen bei sich. Ganze sieben Jahre war der Rabbiner unterwegs, bis er wieder seine Wohnung erreiche. Und nun fing er ein neues Leben an: er nahm von Armen keinen Groschen mehr für die Beschneidung an.

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