Die Sterbestunde des Menschen ist vorbestimmt

From Pasakas un teikas
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Comments: Ein ähnliches Märchen hat auch noch E.Mazjānis in Jaunlaicene aufgeschrieben (LP. VII, I, 526, 2) und J.Kriķis in Starti (LP. VII, I, 526, 3) und sehr ähnlich ist auch das Märchen Nr. 30 aus Bd.IX. Obwohl hier die Rede von dem Voraussagen des Bräutigams ist, hat Lerchis-Puškaitis diese Überlieferungen unter die Sagen über das Voraussagen des Todes aufgenommen, da ja auch diese Sage mit dem Tod der Voraussagerin endet. P. Š.


Es lebte einmal ein mutiges junges Mädchen. Es nahm sich vor, nach der Bibel vorauszusagen, ob ihr Bräutigam, der gerade bei den Soldaten war, sie heiraten werde oder nicht. Am Sonnabend vor Weihnachten nahm sie gegen elf Uhr, ohne dass einer der Hausbewohner es gewusst hätte, die Bibel und einen Spiegel, stellte sie in einer bestimmten Ordnung auf und begann im 5.Buch Moses zu lesen. Nachdem sie etwa eine halbe Stunde gelesen hatte, sah sie im Spiegel, dass sich die Tür öffnete und zwei große schwarze, glänzende Kater mit aufgesperrten Rachen und laut miauend herein kamen und sich der Leserin näherten. Das Mädchen erzitterte am ganzen Leib, aber es riss sich zusammen und las weiter — als wäre nichts geschehen. Danach füllten verschiedene Tiere die Kammer: es kamen Bären und Wölfe, fürchterliche Schlangen, die alle brummend und zischend drohten, sich auf die Jungfrau zu stürzen. Danach kamen ausgemergelte Menschengestalten, die nur aus Haut und Knochen bestanden, herein. Sie brachten die blutenden Leichen ihrer Eltern mit und stellten sie auf den Fußboden hin. Bald darauf kam ein furchtbarer Kerl angelaufen, der Hörner an der Stirn und sehr lange Zähne hatte; aus seinem aufgesperrten Mund stieß er Feuer hervor und rief mit fürchterlicher Stimme, man müsse die Leserin in Stücke zerhacken und das Haus in Brand stecken. Als das Mädchen das alles sah, zitterte es wie Espenlaub, aber es verlor den Mut nicht, verließ sich darauf, dass das alles nur Täuschungen waren, und las weiter. Gerade um Mitternacht verschwanden alle Gespenster und ein schlanker Soldat, ihr geliebter Bräutigam, kam mit einem bloßen Schwert in der Hand herein. Er kam an den Stuhl seiner Liebsten heran, lehnte sein Schwert gegen den Stuhl und verließ die Kammer. Das Mädchen, das jetzt vor Verwunderung, Angst und Freude zitterte, nahm das Schwert und versteckte es auf den Grund ihrer Aussteuertruhe. In derselben Nacht hatte ihr Bräutigam an einem großen Schatzhaus Wache halten müssen. Gegen Mitternacht musste er gewaltig gegen eine überwältigende Schlafmüdigkeit ankämpfen: seine Augenlider, schwer wie Blei, fielen zu. Schließlich war er, auf sein Gewehr gestützt, eingeschlafen. Als er wieder aufwachte, war sein Schwert fort, und seine Glieder waren so steif und müde, als wäre er Hunderte von Werst gelaufen. Kalter Schweiß bedeckte seinen Rücken. Er suchte überall nach seinem Schwert, aber alles vergeblich: das Schwert war wie ins Wasser gefallen. Wie im Traum erinnerte er sich schwach daran, dass er das Schwert jemand übergeben hatte, aber wem — das wusste er nicht. Da er seinem Offizier nicht erklären konnte, wo sein Schwert geblieben war, wurde er schwer bestraft. Als er nach Jahren wieder frei wurde, kehrte er in seine Heimat zurück und heiratete seine Braut. Das erste Jahr lebten sie wie im Paradies. Die junge Frau ließ ihren Mann nie an ihre Truhe heran und trug den Schlüssel immer bei sich. Schließlich kam die Stunde heran, zu der die junge Frau gebären musste. Als sie nun in Wehen lag, gab sie ihrem Mann den Schlüssel ihrer Truhe und bat ihn, einige Tücher aus der Truhe zu holen. Der Mann begab sich zum Vorratshaus, konnte die gewünschten Tücher aber nicht sogleich finden und begann in der Truhe zu wühlen. Dabei fand er sein Schwert. Als er das Sehwert erblickte, waren ihm alle überstandenen Qualen wieder gegenwärtig. Er wurde von einer solchen Wut gepackt, dass er das Schwert ergriff, ins Haus lief und mit einem Schlag die junge Mutter und das neugeborene Söhnchen tötete.

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