Die Manen (Veļi) auf dem Friedhof

From Pasakas un teikas
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Es war einmal ein Bauer, der Geister sah. Er ging nie zu Begräbnissen. Die Schwägerin des Bauern erkrankte und starb, während sie in den Wochen war. Ihr neugeborenes Töchterchen empfahl sie ihrer Schwester, der Frau des Bauern an, die sollte es aufziehen. Dann sagte die Sterbende noch, man solle ihr Töchterchen am Begräbnistage mit auf den Kirchhof nehmen. Die Bäuerin, die Schwester des Verstorbenen, tat, wie ihr anbefohlen war, und bereitete sich am Begräbnistage zur Fahrt vor. Der Bauer wollte zwar nicht zum Begräbnis fahren, die Bäuerin redete ihm aber zu, und schließlich fuhr er auch mit. In das Sterbehaus nahm die Bäuerin auch das Töchterchen ihrer verstorbenen Schwester mit und wartete es. Um die Mittagszeit kam dem Kinde der Schlummer, und die Bäuerin legte es ins Bett, wo es auch einschlief. Da auf einmal sah der Bauer, dass die Verstorbene aus dem Vorratshaus kam,in die Stube eintrat und sich dem Bette näherte, wo das Kind schlief. Die Verstorbene beugte sich über das Kind und säugte es. Der Bauer nahm alles wahr, sagte aber niemand ein Wort, sonst aber sah keiner die Verstorbene. Dann entfernte sich diese wieder. Als man zur Beerdigung schritt, lag sie wieder im Sarge. Als man sie auf den Kirchhof führte, kamen ihr vom Kirchhof her die anderen Toten entgegen. Die Toten setzten sich auf den Leichenwagen. Als dort kein Raum mehr war, setzten sie sich auch auf die anderen Wagen. In den Wagen des Bauern setzten sich auch fünf bis sechs Tote, und das Pferd hatte Mühe sie zu ziehen. Der Bauer, der Mitleid mit dem Pferde hatte, stieg aus dem Wagen und ging bis zum Kirchhof zu Fuß. Dort stiegen alle Toten aus den Wagen und versammelten sich in der Kirchhofskammer. Dort hörten die Toten Gottes Wort, geleiteten die Neu angekommene zur Grabstelle und zerstreuten sich dann allmählich.

Nach der Beerdigung fuhren alle Trauergäste heim, und der Bauer und die Bäuerin beschlossen den Zug. Als der Bauer sich schon ein hübsches Stück vom Kirchhof entfernt hatte, schaute er zurück: die Tote kam hinterdrein gelaufen.

Der Bauer hielt das Pferd an und machte sich mit dem Anspann zu Schaffen, obwohl alles in Ordnung war, denn er wollte seiner Frau nichts verraten. Die Verstorbene eilte zur Bäuerin, auf deren Schoss die Kleine lag, beugte sich über das Kind und säugte es. "Sieh, sieh, wie das Kind im Schlafe säugt," sagte die Bäuerin, denn sie konnte die Tote nicht sehen und wusste auch nicht, dass die Mutter soeben ihr Kind säugte. Der Bauer sagte nichts. Als dann die Tote das Kind gesäugt hatte, entfernte sie sich vom Wagen und trat an den Wegrand. Der Bauer stieg ein und fuhr los, die Tote aber stand noch lange am Wegrand und blickte den Fortfahrenden nach. Dann ging sie langsam auf den Kirchhof zu. Das war das letzte Mal. Der Bauer sah die verstorbene Schwester seiner Frau nie wieder, denn sie kam nie mehr in den Hof.

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