Die Manen (Veļi) auf dem Friedhof

From Pasakas un teikas
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Ihr Jungen wollt ja nicht an Gespenster glauben, aber es gibt sie dennoch, davon will ich erzählen. Es begab sich zu alter Zeit, als die Herren noch über die Leute herrschten.

Ein junger, kräftiger und mutiger Bursche fuhr um Mitternacht bei Mondlicht nach der Fronarbeit an dem alten Vietalva-Friedhof vorbei. Gerade in der Nähe des Friedhofs war er eingenickt. Plötzlich wurde er durch ein Knistern und Rascheln wach. Er schaute zum Friedhof hin: er war mit Gespenstern gefüllt, die wie Wasser hin und her wogten. Der Bursche war sehr mutig. Er sprang aus dem Wagen, ließ das Pferd auf der Straße zurück und eilte auf den Friedhof. Hinter der Leichenkammer sah er den Pastor, der auf einem Grabe stand und das Abendmahl austeilte. Die Menschen, die auf das Abendmahl warteten, knieten um ihn herum. Der Pfarrer selbst in schwarzem Talar ging herum und gab jedem die Hostie in den Mund. Der Bursche hatte sich in die Reihe gestellt, und nun schob der Pfarrer auch ihm mit seiner Knochenhand die Hostie in den Mund.

Der Mund brannte ihm wie von glühendem Eisen, aber dem Burschen gelang es, die Hostie auszuspeien und in die Hosentasche zu stecken: an der Stelle war später ein großes Loch ausgebrannt. Dann kam der Pfarrer der Gespenster mit dem Kelch und legte ihn auch dem Burschen an den Mund. Mit einem schnellen Griff riss der Bursche dem Pfarrer den Kelch aus der Hand. Der Wein schwappte über und ergoss sich über seine Kleider: an der Stelle waren die Kleider verbrannt. Er aber lief mit dem Kelch vom Friedhof heraus und davon. Aber alle Gespenster liefen ihm mit klappernden Zähnen und ausgestreckten Armen nach. Sie hätten den Burschen gewiss eingefangen, aber vor einigen Wochen war sein Pate gestorben. Der rief ihm zu: "Patensohn, Patensohn, lauf auf ein Kreuzfeld!" Und der Bursche sprang mit einem Satz aufs Roggenfeld, dessen Saat aufgegangen und von Furchen kreuzförmig durchzogen war. Die Gespenster blieben mit ausgebreiteten Armen am Feldrain stehen. Plötzlich krähte der Hahn, und die Gespenster verschwanden wie Nebelgebilde. Den Kelch konnte man noch lange auf dem Altar der alten Kirche von Vietalva sehen. Er sah aus wie ein Pferdehuf und mann konnte in ihn weder etwas einschneiden noch einmeißeln. Aber der Bursche nahm bald ein trauriges Ende. Er wurde sehr nachdenklich und betrübt. Eines Morgens früh begab er sich in den Stall, um die Pferde zu versorgen. Da kroch aus dem Schwanz eines der Pferde eine große, schwarze Schlange hervor. Sie biss den Burschen, und an dem Schlangenbiss ist er dann bald darauf gestorben.

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