Die Manen (Veļi) auf dem Friedhof

From Pasakas un teikas
Jump to: navigation, search

Früher gab es in der Nähe des Jēkuļi-Friedhofes einen Bauernhof, der der Jēkuļi-Hof genannt wurde. Nach diesem Bauernhof war denn auch der Friedhof benannt worden. Da das Bauernhaus sich ganz in der Nähe des Friedhofs befand, konnten die Bewohner des Hofes gegen Mitternacht sehen, wie die Toten, weiß gekleidet, mit Gesangbüchern in der Hand vor ihren Gräbern standen und so lieblich wie die Engel sangen. Mitunter konnte man nach der Melodie erraten, welches Lied sie gerade sangen. Da nahm der alte Bauer das Gesangbuch vom Wandbord herunter, zeigte den anderen das Lied, das die Toten sangen, und sang selbst leise mit.

Einmal saß eine der Frauen des Jēkuļi-Hofes um die Mittagszeit vor dem Haus in der Sonne und stillte ihr Kindchen. Auf einmal hörte sie ein so liebliches Singen, das von dem Friedhof herkam, dass man nicht unterscheiden konnte, ob es Menschen oder Engel waren, die da sangen. Sie war von dem schönen Singen so ergriffen, dass sie wie angeschmiedet sitzen blieb. Die Tränen rollten ihr die Wangen herunter. Auch das Kindchen war beim Zuhören sanft und ruhig eingeschlafen. Schließlich rief sie den Bauer, er möchte doch auf den Friedhof gehen und nachsehen, was dort los sei. Der Bauer kam aus dem Haus, hörte eine Weile zu und sagte dann: "Lass sie nur singen, es sind ja unsere Brüder, die Geister!"

Personal tools
Namespaces

Variants
Actions
Navigation
Project
Categories
Add
Tools
Toolbox