Die Manen in der Kirche

From Pasakas un teikas
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Als ich noch ein kleiner Junge war und in Vircava lebte, pflegte man —sobald ein Sterbender erloschen war — das Fenster zu öffnen, damit die Seele hinausfliegen konnte. Damals glaubte man auch, dass der Sarg in der Nähe des Friedhofs schwerer werde: das komme davon, dass die Toten dem Verstorbenen entgegenkämen und sich auf seinen Sarg setzten.

Jānis Rūtentāls (aus Džūkste) erzählte: "Mitunter haben die Toten sogar Hochzeiten gefeiert. Und da man früher zu Hochzeiten zu reiten pflegte, sind auch die Toten nicht zu Fuß gegangen: einigen kamen auf Pferden geritten (es waren diejenigen, die zu ihren Lebzeiten Pferde geliebt und sie gut versorgt hatten), andere auf Ziegen (es waren diejenigen, die zu ihren Lebzeiten viel gezankt hatten), noch andere hatten Schweine als Reittiere (es waren diejenigen, die ein schweinisches Leben geführt hatten). Einmal bekam eine altes Frau eine Totenhochzeit zu sehen. Auf einem Hof war ein junger Bursche gestorben, auf einem anderen Hof —fast zur gleichen Zeit —ein junges Mädchen. So etwas kommt manchmal vor. Aber der Bursche und das Mädchen waren Verlobte gewesen und hätten in Kürze ihre Hochzeit gefeiert. Nun, nachdem sie nun gestorben waren, begab sich eine Frau deren nahe Verwandte, nach Dobele, um einiges für den Leichenschmaus einzukaufen. Als sie nach Dobele kam, erblickte sie dort den verstorbenen Burschen. Das war doch sonderbar. Sie war beinahe etwas erschrocken: "Du bist doch gestorben? Wieso bist du nach Dobele gekommen?"

"Ja, ich bin gestorben? Aber an dem und dem Tag wird meine Seele in der Kirche von Džūkste mit der Seele meiner Braut getraut. Vorher dürfen wir noch auf der Erde herumgehen. Und wenn du vielleicht sehen möchtest, wie unsere Hochzeitsgäste uns begleiten werden, dann versuche an jenem Tag heimlich die Kirche von Džūkste zu betreten. Steige auf den Turm und schaue zum Turmfensterlein hinaus; achte nur sehr darauf, dass kein lebendiger Mensch dich zu sehen bekommt und dass du dich über uns nicht wunderst und nicht lachst!"

Gut, der Tag (der Hochzeit) kam heran. Die frau saß schon am Frühen Morgen im Turm. Sie brauchte nicht lange zu warten, da kamen schon die Hochzeitsgäste der Seelenhochzeit: der Bräutigam und die Braut kamen als erste, beide waren sehr schön gekleidet; die anderen Seelen kamen ihnen nachgeritten: einige ritten auf Pferden, andere auf Kühen, noch andere auf Ziegen, Schafen, sogar auf Schwalben. Eine der Seelen ritt jedoch auf einem Schwein und konnte mit den anderen gar nicht Schritt halten. Das Schwein hat ja diese Gewohnheit: es macht ein paar Schritte, da beginnt es in der Erde zu wühlen und zu buddeln. Die Seele auf dem Schweinerücken aber kann sich nicht halten und purzelt auf die Erde. Und so wiederholt sich das immer wieder. Darüber hat die Frau dann auch ein ganz klein wenig gelacht. Aber gleich danach war der Hochzeitszug verschwunden: die Trauung hat sie nicht mehr zu sehen bekommen.

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