Die Manen in der Kirche

From Pasakas un teikas
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Vor vielen, vielen Jahren lebte auf dem Aumeisteri-Gut ein altes Mütterchen namens Lienīte. Sie konnte Geister sehen. Einmal starb in Aumeisteri ein junges Mädchen, das ein paar Wochen später Hochzeit gehabt hätte. Auch der Bräutigam des Mädchens lebte nicht mehr lange: bald nach ihrem Tod folgte er seiner Braut. Eines Abends ging Lienīte nach Hause. Da kam ihr der verstorbene Bursche entgegen und bot ihr einen guten Abend Lienīte dankte und wollte dem Burschen die Hand reichen, aber er reichte ihr seine Hand nicht, das sei ihm nicht erlaubt. Unterhalten könne er sich jedoch mit ihr. Lenchen fragte ihn wohin er gehen wolle.

"Ich gehe Ringe kaufen, denn ich werde bald Hochzeit haben," antwortete der Bursche. Lienīte wunderte sich und fragte ihn weiter aus: wie wolle er denn die Ringe kaufen und wann werde seine Hochzeit stattfinden. Der Bursche erzählte, er werde den Laden betreten, sich die Ringe nehmen und das Geld dafür in die Kasse tun. Seine Hochzeit werde an dem und dem Sonntag stattfinden. Lienīte könne dabei zusehen. Sie solle den Kirchturm besteigen — am besten gleich nach dem Sonnenuntergang — und zum Turmfensterlein hinausschauen, dann werde sie (den Hochzeitszug) sehen. Nur dürfe sie weder lachen noch reden. Der Bursche verabschiedete sich von Lienīte und setzte seinen Weg fort. An dem gewissen Sonntag bat Lienīte den Küster, sie in der Kirche zu lassen. Der Küster wollte es erst nicht tun, schließlich erlaubte er ihr doch, in der Kirche zu bleiben, übergab ihr auch den Kirchenschlüssel und ermahnte sie, beim Verlassen der Kirche die Tür abzuschließen und ihm den Schlüssel zu bringen.

Als die Sonne untergegangen war, bestieg Lienīte den Kirchturm und schaute durch das Turmfensterlein in die Richtung des Friedhofs. Sie konnte noch nichts sehen. Da wurde es ihr langweilig und sie ging in die Kirche hinunter. Aber dort blieb sie vor Überraschung stehen: der Pfarrer war schon in der Kirche, und in der ersten Bankreihe saßen schon ein paar Menschen. Lienīte kannte sie jedoch nicht — sie waren ihr ganz fremd. Nun bestieg Lienīte wieder eiligst den Turm. Jetzt erblickte sie den Hochzeitszug, der sich der Kirche näherte: zuerst kamen zu Fuß die Braut und der Bräutigam, beide ausgeputzt wie es sich gehört; ihnen folgten die Hochzeitsgäste, die auf verschiedenen Tieren ritten: einige auf Kühen, andere auf Ochsen, auf Kälbern, auf Schafen, Hühnern und Hähnen. Einige ritten auch auf Pferden, und ganz zum Schluss kam ein alter Mann auf einer mageren Sau geritten, mit der er seine liebe Not ha1te, denn die Sau lief immer wieder von der Straße weg und blieb nicht in der Reihe. Oft stieß sie ihren Rüssel in die Erde, als würde sie etwas suchen. Lienīte konnte nur mit Mühe das Lachen zurückhalten, als sie sah, wie der alte Mann sich mit der Sau abplagte. Plötzlich sprang die Sau über den Graben. Der Alte purzelte von ihrem Rücken auf die Erde. Seine Beine ragten in die Luft. Da begann Lienīte laut zu lachen. Plötzlich war der Hochzeitszug verschwunden.

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