Die Manen gehen herum

From Pasakas un teikas
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In alten Zeiten habe auf dem Klosterberg am Talsi-See ein Schloss gestanden, das später versunken sei. Nach der Seeseite hin sei der Berg sehr steil und sehr nahe am Wasser gewesen. Auf der Seeseite hat der Berggipfel ein tiefes Loch, gebildet durch den Schornstein des versunkenen Schlosses. Einmal hat, man eine Ente in dieses Loch hinabgeworfen, die dann wieder auf den See hinausgeschwommen ist. Einmal kamen mehrere Herren zusammen mit dem Pfarrer, um den Berg zu besichtigen. Die Herren hatten einen Sklaven mit. Der Pfarrer nahm ihm die Beichte ab. Dann band man ihm einen Strick um den Leib und ließ ihn in das Loch hinabgleiten. Es war vereinbart, dass der Sklave wieder herausgezogen werden sollte, sobald er am Strick zerren würde. Nach einiger Zeit wurde am Strick gezerrt und der Sklave wurde heraufgezogen. Er hatte drei goldene Dinge in der Hand: einen Becher, einen Teller und (an das dritte Ding konnte sich der Erzähler nicht mehr erinnern). Die gefundenen Sachen wurden in der Ortskirche in Gebrauch genommen. Die Mutter der Erzählerin Ulštāmene, die sich im Armenhaus von Tukums aufhält, hat selbst die Sachen gesehen und hat aus dem Becher in der Kirche Wein getrunken. Die Gefäße wurden nur an großen Fest— und Feiertagen benutzt. Als der Sklave gefragt wurde, woher er die Sachen genommen habe, was er dort unten gesehen habe usw., gab er keine Antwort auf die Fragen: man habe ihn dort unten ermahnt, nichts davon, was er gesehen hatte, weiterzuerzählen. Dieses Versprechen dürfe er nicht brechen.

Auf dem Berg befindet sich eine alte Korndarre. Einmal haben Kinder in der Korndarre gespielt. Auf einmal sah eines der Mädchen, Lībiņa, dass ein kleiner, etwa dreijähriger Junge, der mit einem blauen Röckchen und roten Höschen bekleidet war, aus dem Darrofen hervorpurzelte. Es hatte nur einen Arm und ein Bein und rollte wie ein Rad. Er rollte auf das Mädchen zu, schlug es mit der Hand auf den Mund und sagte: "Willst du denn um ein Bisschen Geld dein Leben verspielen?" Nachher hatte das Mädchen wie Kratzwunden um den Mund; drei Fingerabdrücke waren wie mit Feuer eingebrannt, und diese Abdrücke behielt es sein ganzes Leben lang. Das Gespenst zeigte sich dem Mädchen sehr oft, besonders kurz vor dem Einschlafen. Es hielt stet eine halb blühende Weidenrute in der Hand. Am Palmsonntag (lettisch Weidekätzchen -Sonntag) begab sich die ganze Familie zusammen mit dem Mädchen zur Korndarre, das Gespenst zu besuchen. Das Mädchen blieb an der Tür der Korndarre stehen. Die Mutter legte ihr den Arm um den Hals und fragte sie: "Nun, siehst du ihn?" Nach einer Weile rief das Mädchen aus: "Ich sehe ihn ich sehe ihn! Er kommt!" Und das Mädchen versuchte, den Arm der Mutter abzuschütteln, denn es glaubte, das Gespenst würge es. Da rief die Mutter aus: "Feuer und Donner“ (=Blitz und Donner!), was soll das?" Dann fragte sie das Mädchen: "Ist es noch da?" "Es ist da, es ist noch da!" antwortete das Mädchen. Nachdem die Mutter ein drittes Mal "Blitz und Donner!" ausgerufen hatte, verschwand das Gespenst. Aber einmal um die Mittagszeit, als das Mädchen mit der Hofmagd gerade unterwegs waren, erschien das Gespenst wieder. Das Mädchen rief aus: "Ach, da kommt es ja! Jetzt werde ich es ihm aber geben!" Das Mädchen stürzte sich auf das Gespenst, aber in Wirklichkeit hatte es sich auf die Magd gestürzt und begann sie zu schlagen.

Einmal begab sich die Magd Maria zur Korndarre, um auch das Gespenst zu sehen. Als Maria in der Korndarre stand, hörte sie eine Stimme aus dem Darrofen: "Willst du mich auch sehen? Wenn ja, so komm am Karfreiteg um die und die Uhrzeit, dann will ich dir erzählen, wer ich bin und warum ich hier bin." Die Magd erzählte anderen Leuten, was das Gespenst ihr gesagt hatte. Zur vereinbarten Zeit begab sie sich zur Korndarre, aber dort befanden sich schon viele Nachbarn, und das Gespenst zeigte sich nicht. Die Leute meinten, das Gespenst werde wohl das Söhnchen von Marias Mutter sein. In ihrer Jugend hatte sie von einem Burschen ein Kind gehabt. Da sie selbst das Kind nicht erhalten (ernähren) konnte, verlangte sie von dem Burschen Geld. Der Bursche gab ihr kein Geld, aber er nahm das Kind und versprach, es nach Jelgava zu seiner Mutter zu bringen, die es aufziehen sollte. Es könne ja sein, dass der Bursche das Kind nicht der Mutter gebracht, sondern es getötet habe.

Von diesem Berg werden viele Sagen und Begebenheiten erzählt. Einmal um Mittagszeit sei ein Mann am Seeufer entlang gegangen. Quer auf dem Pfad zwischen dem See und dem Berg habe ein Sarg gelegen. Der Mann dachte, das werde wohl der Sarg des kürzlich verstorbenen Sarkanābols und machte einen Bogen um ihn, wobei er immer tiefer in den See gelangte. In diesem Augenblick kam eine Frau den Pfad entlang. Der Mann rief ihr zu, sie solle doch nicht auf den Sarg treten! Ob sie denn blind sei? Die Frau verwunderte sich über ein solches Reden des Mannes und meinte, er sei ja selbst blind, denn er sehe nicht, was er, tue: er sei ja bis zur Hälfte im Wasser und wate nur immer weiter, auf diese Weise werde er noch ertrinken. Da kam der Mann zu sich und eilte ans Land, andernfalls aber wäre er ertrunken. Am Fuße des Berges hatte die Tochter der Blumentals, deren Eltern ihre Heirat mit dem von ihr auserwählten Manne nicht zulassen wollten, im See ertränkt. Einmal begoss eine Nachbarin Blumen auf dem Friedhof, auf dem das Mädchen begraben liegt. Während die Nachbarin Wasser holte, erschien ihrem Töchterchen ein junges Mädchen und fragte das Kind, ob es sie erkenne. Als das Mädchen sie nicht erkannte, sagte sie, sie sei die Tochter der Blumentals und bat das Kind, die Blumen auf ihrem Grab zu begießen. Der Klosterberg-See bei Talsi verlange jedes Jahr ein Menschenopfer.

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