Die Manen gehen herum

From Pasakas un teikas
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Comments: Die Sagen von Nr.57 bis Nr.63 erzählen von Manen, die sich in der Gestalt verschiedener Gegenstände zeigen. P.Š.


Der alte Šēfers lebte auf einem kleinen Gut in Nieder-Kurland. Am Heiligabend besprach er sich mit seinem Sohn und beschloss, mit ihm zusammen seinen Schwiegersohn zu besuchen, der einen Wirtshaus, etwa drei Meilen von dem Gut entfernt, gepachtet hatte. Wohl tobte draußen ein Schneesturm, aber den Fahrern war die Straße sehr gut bekannt, deshalb machten sie sich mit Gottes Hilfe auf den Weg. Drei Werst vor dem Haus des Schwiegersohnes mussten sie über einen Berg fahren. Sobald sie nun die andere Seite des Berges erreicht hatten, erblickten sie mitten auf der Straße ein Branntweinfässchen. Freilich ließen sie das Fässchen nicht auf der Straße liegen, sondern wälzten es in den Schlitten und nahmen es mit. Obwohl Šēfers es bekannt machen ließ, dass er ein Branntweinfässchen gefunden habe, meldete sich niemand, der Anspruch darauf erhoben hätte. Da begannen sie von dem gefundenen Branntwein zu trinken.

Das Fass war schon längst geleert worden. Wieder war es Heiligabend. Obwohl die Straßen verweht waren, bekam Šēfers wieder große Lust, seinen Schwiegersohn zu besuchen: diesmal wollte der Sohn jedoch nicht mitfahren; so machte er sich allein auf den Weg. Als er über den schon erwähnten Berg fuhr, fiel ihm ein, dass er vor einem Jahr um dieselbe Zeit das Branntweinfässchen gefunden hatte. Und sonderbar — sobald er die andere Bergseite erreichte — der Mond schien hell — begann sein Pferd zu scheuen: das Fass lag wieder auf der Straße. Mit Mühe lenkte er das Pferd zu dem Fass hin und wollte es wieder in den Schlitten wälzen, aber da begann das Fass ganz schnell den Berg hinunterzurollen. Zu Beginn dachte er nichts Arges und glaubte, das Pferd habe es wohl angestoßen und ins Rollen gebracht. Er holte es wieder ein. Aber sobald er aus dem Schlitten geklettert war, da begann das Fass den Berg hinauf zu rollen. Er wendete und fuhr den Fass nach, aber das Fass rollte bald den Berg hinauf, bald hinunter. Jetzt begriff er, dass es nicht mit guten Dingen zugehen konnte, und eine große Angst packte ihn. Ohne Straße, auf großem Umweg, eilte er zu seinem Schwiegersohn. Erschrocken, zitternd und schlotternd betrat er das Wirtshaus und verlangte sogleich ein großes Glas Schnaps. Da fragte sein Schwiegersohn: "Schwiegervater, hat vielleicht das Fass Euch erschreckt?" Auch der Gutsvogt hat seine liebe Not heute Abend mit dem Fass gehabt; er hat sich so erschrocken, dass er jetzt auf den Tod erkrankt ist." Da begann ein alter Mann, der auch das Wirtshaus betreten hatte, zu erzählen: vor vielen Jahren sei dort am Fuße des Berges eine Schnapsbrennerei gewesen. Der Weinbrenner hatte sich am Heiligabend die Kehle durchschnitten. Von da ab wurde die Schnapsbrennerei nicht mehr benutzt, und bald verfiel sie ganz. Aber noch jetzt wälze sich der Weinbrenner in der Weihnachtsnacht als Branntweinfass auf der Straße und erschrecke die Leute.

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