Die Manen verlangen, begraben zu werden

From Pasakas un teikas
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Vor vielen Jahren erzählte einmal ein fremder Herr aus Kurland, dass sein Vater, der früher Gutsverwalter gewesen sei, mit Hilfe eines Geistes (eines Gespenstes) reich geworden sei. Der Vater des Fremden namens Kundrāts sei gerade auf dem Weg von Jelgava (Mitau) nach Hause gewesen. Es regnete in Strömen, und die Straße war bereits so von Schlamm bedeckt, das Kundrāts erst am späten Abend ein Wirtshaus erreichte. Dort angekommen, bat er den Wirt um Nachtlager, aber der Wirt antwortete, dass alle Kammern bereits besetzt seien. Nur eine einzige Kammer sei noch frei, aber in der könne kein Mensch zur Ruhe kommen, da es dort um Mitternacht fürchterlich spuke.

"Wenn es kein größeres Unglück gibt," antwortete darauf der mutige Kundrāts, so lasst mir nur in der Spuk-Kammer das Bett richten; ich kann nicht weiterfahren, und vor Gespenstern habe ich keine Angst, denn die gibt es gar nicht, und nur abergläubische Menschen fürchten sich davor." Wohl versuchte der Wirt noch, Kundrāts mit freundlichen Worten zu überreden, doch lieber ein anderes Nachtquartier zu suchen, aber als Kundrats darauf bestand und beteuerte, dass er ja ganz allein in der Kammer schlafen werde, dann zuckte er mit den Schultern und ließ dem Fremden ein Bett richten. Der Reisende brachte seine Sachen herein, aß ordentlich zu Abend, scherzte mit dem Wirt, wünschte ihm eine gute Nacht und begab sich zur Ruhe. Er war jedoch noch nicht schläfrig. Deshalb holte er ein Buch aus seiner Reisetasche, zündete zwei Kerzen an, legte sein Schwert und zwei Pistolen auf das Tischchen, das neben seinem Bett stand, verschloss die Tür, legte sich ins Bett und wollte noch eine Weile lesen. Die Wirtsleute und die anderen Reisenden waren schon längst fest eingeschlafen. Auf einmal befand sich in der Kammer ein blasses, blutendes Weib, das händeringend um das Bett herum ging. Kundrāts ergriff das Schwert und die Pistolen und sprach zu dem Gespenst: "Alle guten Geister loben Gott!"

"Auch ich lobe Gott!" antwortete das Gespenst.

"Warum gehst du dann nachts herum und erschreckst die Leute?" fragte Kundrāts. "Ich habe keine Angst vor Gespenstern. Solltest du dich mir nähern wollen, so werde ich schießen und mit dem Schwert zuschlagen."

"Ha, ha, ha!" erscholl eine Stimme wie aus tiefer Gruft. "Mir kannst du nichts anhaben, denn ich habe keinen Leib und keine Knochen, ich bin ein Geist; aber du bist der Erste, der so mutig ist, du scheinst ein gutes Gewissen zu haben. Erhebe dich aus dem Bett, ich will dir verborgenen Reichtum zeigen, so dass du und noch deine Enkel reich und glücklich werdet, wenn du nur alles erfüllst, worum ich dich bitte. Höre zu! Vor dreißig Jahren kam auch ich von Jelgava nach Hause gefahren und übernachtete in dieser Kammer. Der schuftige Wirt, der seinen Lohn bereits erhalten hatte, hatte jedoch bemerkt, dass ich viel Geld— Gold und Silber bei mir hatte. In seiner Habgier tötete er mich und versteckte mich unter den Brettern des Fußbodens. Damit der Mord nicht ans Tageslicht kam, errichtete er in der Wandmauer einen Schrank, in dem er alle mir geraubten Sachen steckte. Aber bald darauf fand er im Fluss einen raschen Tod, und heute weiß niemand, wo das viele Geld sich befindet. Siehst du den kleinen Nagel (in der Wand)? Drückst du auf seinen Kopf, so wird sich eine kleine Tür öffnen: in dem Schrank wirst du Tausende an Geld und viel Gold und Silber finden. Behalte ein Drittel des Geldes für dich, verteile das zweite Drittel an die Armen, das dritte Drittel aber gib der Kirche und richte mir dafür ein anständiges Begräbnis aus. Lass meine Gebeine ausgraben und sie auf dem Friedhof in geweihter Erde bestatten, dann werde ich bis zum Jüngsten Tag in Frieden ruhen können."

Gleich darauf war das Gespenst verschwunden. Kundrāts drückte auf den Nagel: sogleich öffnete sich das Türchen des Geheimschränkchens. Er nahm das Geld und die Schätze heraus und brachte alles in seiner Reisetasche unter. Dann legte er sich ins Bett und schlief ruhig bis zum nächsten Morgen.

Am nächsten Morgen wunderte sich der Wirt, dass der Gast heil und gesund war, aber noch mehr wunderte er sich, als Kundrats sagte, dass er noch eine ganze Woche im Wirtshaus verbringen werde. Der Wirt solle nur schnell alles, was für ein großes Festgelage nötig sei, herbeischaffen. Eine große Volksmenge solle zu dem Fest eingeladen werden. Dann solle er ihm dabei helfen, Mitglieder des Gerichts, Ehrenmänner, ordentliche Frauen, unschuldige Jungfrauen und alle Armen aus einem Umkreis von drei für den kommenden Freitag einzuladen.

Kundrats selbst fuhr zum Pfarrer, beschenkte die Kirche, erbat eine Grabstelle, bestellte in der Stadt einen prächtigen Sarg und ein steinernes Kreuz mit einer goldenen Inschrift: "Ruhe in Frieden bis zum Jüngsten Tag."

An dem bestimmten Tag versammelten sich Gäste und Bettler aus einem Umkreis von drei Meilen. Kundrats verteilte an Bettler und Krüppel so viel Geld, dass sie es nun nicht mehr nötig hatten, hartherzige Menschen um milde Gaben zu bitten. Dann wurde der Fußboden aufgerissen und die Gebeine der Frau wurden herausgeholt, in den Sarg gebettet und unter Gebeten und beim Singen frommer Lieder in der geweihten Erde des Friedhofs bestattet.

Die Gäste aßen und tranken drei Tage lang, wie das in alten Zeiten Brauch war. Dann fuhren sie nach Hause. Auch Kundrāts machte sich mit seinem Reichtum auf den Heimweg. Der Wirt hatte einen guten Verdienst gehabt. Von der Zeit ab hatte niemand das Gespenst mehr gesehen oder gehört. Der Krug steht an derselben Stelle noch heute, und jeder Reisende kann dort getrost ein Nachtlager suchen.

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