Die Manen verlangen ihre Sachen

From Pasakas un teikas
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Einem Dienstmädchen in Rīga namens Anna hatte einmal eine Wahrsagerin eingeredet, sie werde einen ihr wohl gefallenden Burschen zum Manne bekommen. Die Wahrsagerin unterwies sie auf den Kirchhof zu gehen und aus neun Gräbern je eine Handvoll schwarze Erde zu nehmen. Mit dieser Erde solle sie sich dann zum Burschen begeben und unbermerkt etwas davon in seine Tasche zu schütten suchen, einen Teil solle sie daselbst auf der Diele ausstreuen, dann werde sie den Burschen bekommen. Anna ging auch auf den Kirchhof, holte, wie ihr gesagt war, die Erde und brachte sie heim. Da sie aber an jenem Tage nicht zu ihrem Burschen gehen konnte, verwahrte sie die Kirchhofserde in der Handkammer. Die Herrschaft des Mädchens war an dem Abend ausgegangen, und Anna war allein zu Hause. In der Nacht hörte sie in der Handkammer etwas rascheln, als suche jemand dort etwas. Da bekam das Mädchen gehörige Angst, ihre Herrschaft kehrte aber noch nicht heim. Da öffnete sich plötzlich ihre Stubentür, und es erschien in ihr ein großer schwarzer Herr mit einer Brille. Anna griff in ihrer furchtbaren Angst nach einem Gesangbuch und begann zu singen und zu Gott zu beten. Um dieselbe Zeit kehrte auch ihre Herrschaft heim, und der Schwarze verschwand plötzlich. Am nächsten Tage gelang es dem Mädchen ebenso wenig, mit dem Kirchhofssande zu ihrem Freunde zu kommen. Gegen Abend ging ihre Herrschaft wieder aus, und Anna blieb allein zu Hause. In der Nacht entstand in der Handkammer wieder ein Geräusch, als wenn eine Henne dort gluckte oder Küchlein piepsten. Die Tür ging auf und der schwarze Herr von gestern kam auf das Mädchen zu. Das Mädchen fing in seiner Angst wieder zu beten an, und der schwarze Herr sank zu ihren Füßen nieder und verschwand. Das Geräusch in der Handkammer aber hörte doch nicht auf. Zuletzt kehrte die Herrschaft heim und ging zur Ruhe. Nach eine Weile rief die Frau das Mädchen zu sich und fragte: "Was gluckt da bei dir eine Henne?" Das Mädchen entgegnete: "Wir haben hier gar keine Henne!" – "Haben vielleicht die Bewohner unten eine Henne?" – "Das kann ich nicht sagen." Am Morgen sagte die Frau zu Anna, sie solle doch den unteren Einwohnern sagen, sie möchten in der Stube keine Hühner halten, sie habe die ganze Nacht nicht schlafen können. Das Mädchen versprach das auch auszuführen, als sie aber hinausging, trug sie auch den Sand auf den Kirchhof und warf ihn über den Zaun. Seitdem herrschte im Gesinde Ruhe, und das Mädchen wollte von solchen Zaubereien nichts mehr wissen.

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