Wohlgesinnte Manen

From Pasakas un teikas
Jump to: navigation, search

Zur Zeit der Manen pflegen sich die Geister der Verstorbenen unter der Erde zu versammeln, um zu besprechen, was sie im vergangenen Jahr getan haben und was im nächsten Jahr zu tun sei. Sie reden auch über ihre noch lebenden Angehörigen. Manchmal suchen sie zur Manenzeit Felder, Hofe und Häuser auf, wo sie alle Winkel durchstöbern und sogar die Strohsäcke in den Betten untersuchen und die Geldtöpfe beäugen. Das tun die Manen, um zu erfahren, ob ihre Angehörigen auch ein gutes Leben haben. Sie belauschen auch genau die Gespräche der Leute. Lieben Angehörigen flüstern sie gute Ratschläge zu. In alten Kleidern mögen die Manen nicht umgehen, deshalb soll man ihnen gute Kleider geben.

Einmal wurde ein Mann in einem alten Rock begraben. Zur Manenzeit wollten die anderen Manen ihn überreden sich in der Welt umzusehen, aber der Mann widersetzte sich: er schäme sich, in einem solchen Rock unter die Leute zu gehen. Einmal erschien er seinem Sohn im Traum und forderte ihn auf, auf den Friedhof zu einer Aussprache zu kommen. Der Sohn begab sich auf en Friedhof, legte seinen Kopf an den Grabhügel und lauschte. Der Vater erzählte ihm in allen Einzelheiten, wie das Wetter im kommenden Jahr sein werde, was und wo er zu säen habe usw. Von da ab begab sich der Sohn jeden Herbst zum Friedhof, um sich von seinem Vater beraten zu lassen. Bald war er ein reicher Mann geworden.

Einmal gab es in jenem Lande ein Hungerjahr. Alle Leute hatten kein Brot, nur ihm mangelte es an nichts. Die Menschen wunderten sich, weshalb er Brot hatte, wenn andere keins hatten. Sie fragten seine Frau aus, und die Frau erzählte, dass ihr Mann jeden Herbst zum Friedhof gehe, um sich bei seinem Vater Rat zu holen. So wisse er immer, was er zu tun habe. Diese Nachricht gefiel den Leuten sehr. Im nächsten Herbst zur Manenzeit kamen viele Leute zum Friedhof. Sie legten sich neben die Grabhügel hin, drückten das Ohr an die Erde und lauschten, was die Manen zu einander sprachen.

Im nächsten Jahr starb einer von denen, die zum Friedhof gegangen waren, um die Manen zu belauschen. Unglücklicher Weise hatte man ihm auch ziemlich alte Kleider angezogen. Als die anderen Manen ihn überreden wollten, sich in der Welt umzusehen, antwortete er: "Wie soll ich mich denn in meinen alten Kleidern sehen lassen!"

Die anderen Manen sagten: "Deine Verwandten schlafen jetzt alle. Wer wird dich denn in der Nacht schon sehen können?"

"Sie schlafen nicht," antwortete jener, "schaut nur oben nach, der Friedhof ist voll von Leuten, die die Manen belauschen wollen."

Als die Manen das hörten, wurden sie sehr zornig, eilten aus ihren Gräbern hervor und töteten alle Leute, die sich auf dem Friedhof versammelt hatten. Damit die Menschen künftig nicht mehr die Gespräche der Manen belauschen konnten, beschlossen die Manen, Wachen an der Friedhofspforte aufzustellen. Deshalb spukt es manchmal auf Friedhöfen. Die Gespenster sind die Wächter der Manen.

Personal tools
Namespaces

Variants
Actions
Navigation
Project
Categories
Add
Tools
Toolbox