Die Schatten spuken

From Pasakas un teikas
Jump to: navigation, search

Ein Bauer hatte den Schreiber der Gutsspeicher von Ērbērģi zu Michaeli eingeladen, um dann — wie es in alten Zeiten Brauch war — zur Badestube zu gehen und anschließend reichlich zu Abend zu essen und selbst gebrautes Bier zu trinken. Der Schreiber nahm die freundliche Einladung gern an und war zur vereinbarten Zeit zur Stelle. Zuerst gingen alle zusammen zur Badestube, danach setzte man sich an den Tisch, hielt die Abendandacht und aß und trank bis spät in der Nacht wie bei einem Festgelage. Als der Schreiber sich anschickte, nach Hause zu gehen, bat der Bauer ihn, er möchte doch bei ihm übernachten, denn sein Weg führe über einen tiefen Graben, der zwar ausgetrocknet war aber in dem es nachts spukte und wo Leute erschreckt wurden. Der Schreiber, ein mutiger Mann, begann aus vollem Halse zu lachen und meinte, dass er vor solchen Geschichten keine Angst habe und nicht glaube, dass es überhaupt spuken könne. Er verabschiedete sich von dem Bauer und der Bäuerin, indem er sich für ihre Gastfreundschaft bedankte, und machte sich singend auf den Weg. Als er an den Graben kam, fiel ihm ein, was der Bauer darüber gesagt hatte, aber er hatte keine Angst, sondern sprach ganz unbekümmert bei sich: "Gespenster und Erscheinungen, das ist doch alles Aberglaube und dummes Zeug. Wenn es solche Dinge wirklich auf der Welt gäbe, so möchte ich sie mit meinen eigenen Augen sehen." Und siehe da: auf der andere Seite des Grabens stand ein bleicher Mann in Totenkleidern und drohte ihm mit dem Finger. Da wurde der Schreiber von einer furchtbaren Angst gepackt: er bekreuzigte sich und lief dann auf Umwegen nach Hause, wo er rund sieben Wochen krank lag und im Fieber von einem Spuk redete.

Personal tools
Namespaces

Variants
Actions
Navigation
Project
Categories
Add
Tools
Toolbox