Die Schatten spuken

From Pasakas un teikas
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Es trug sich vor gut vierzig Jahren nicht weit von unserer Gegend zu: meine Großmutter erzählte mir die Begebenheit aus der R.-Gemeinde, über die damals alle Leute gesprochen hatten. Die Knechtsfrau des N. Bauernhofes war zum Nachbarhof gegangen, um dort beim Kornmähen zu helfen, wobei sie ihr fünfjähriges Töchterchen mitgenommen hatte. Während die Erwachsenen beim Mähen waren, spielte das Kind am Waldrand. Erst gegen Abend wurde bemerkt, dass das Kind nicht mehr zu sehen war. Erst glaubte die Mutter, das Kind würde zusammen mit den Viehhütern nach Hause gegangen sein, aber diese Hoffnung erwies sich als falsch. Was nun? Die Mutter begann die Hände zu ringen. Der Gutsherr wurde benachrichtigt und war gern bereit, seine Knechte, Treiber und Hunde nach dem Kind suchen zu lassen. Drei Tage hintereinander wurden alle Wälder der Gegend durchkämmt, aber vergeblich. Man ließ das Verschwinden des Kindes auch in der weiteren Umgebung bekannt machen, aber das Kind blieb verschwunden, als wäre es in den Brunnen gefallen. Schließlich fand man an einer moorigen Stelle im Walde die Fußspuren eines kleinen Kindes. Daneben lag ein kleines Feldblumensträußchen. Da man bald darauf in der Nähe auch die Fußspuren eines Bären fand, glaubten die Leute, der Bär hatte das junge Leben des Kindes ausgelöscht. Die schmerzlich getroffene Mutter weinte bitterlich und klagte, der Bär hätte wenigstens ein kleines Zeichen von ihrem Kind übrig lassen können. Aber zwei Wochen später kamen Männer aus einer entfernten Gegend, die das nun doch glücklich gefundene kleine Mädchen auf dem Gutshof ablieferten. Die Männer erzählten auch, unter welchen Umständen das Kind gefunden worden war. Die Hirten hatten beim Viehhüten ein kleines Mädchen am Waldrand bemerkt, aber sobald sie sich dem Kinde näherten, lief es in den Wald. Erst als einige Leute, die auf einem Feld in der Nähe gearbeitet hatten, herbeieilten — gelang es ihnen mit großer Mühe das Kind einzufangen. Anfangs konnte das kleine Mädchen kein Wort herausbringen. Als die Leute es fragten, was es im Waide getan und was gegessen habe, antwortete das Mädchen, es habe im Walde Beeren gesammelt und gegessen. Auf dem Gut gab man dem Kind anfangs nichts Schweres zu essen, nur etwas Mehlsuppe. Am meisten wunderten sich die Leute darüber, wie das Mädchen über den Fluss gelangt war. Das Kind erzählte: "Als ich ins Wasser steigen wollte, eilten zwei Männer in langen weißen Röcken auf mich zu und trugen mich über den Fluss." Und wo sind die Männer dann geblieben?" fragte man das Mädchen. "Ich weiß es nicht, sie waren gleich danach genau so unbemerkt verschwunden wie sie gekommen waren.

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