Die Schatten in verschiedener Gestalt

From Pasakas un teikas
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In der Nähe des Dorfes Biržai in Litauen sieht man verfallene Mauern eines alten Schlosses, das zur Zeit der Ordensritter erbaut und in späteren Kriegen zerstört worden war.

Graf Tišķēvičs (Tiškevičius) ließ sich etwas weiter am Ufer des Sees ein neues Schloss erbauen. Er hatte einen Meister aus Deutschland kommen lassen und hatte mit ihm vereinbart, dass er die Mauersteine des alten Schlosses zum Bau des neuen Schlosses verwenden werde. Wohl machte es dem Meister keinen Spaß, die alten bemoosten Mauern niederzureißen, die während der Jahrhunderte wie aus einem Guss geworden waren. Die Arbeit war sehr schwer und ging nur sehr langsam voran, aber da war nichts zu machen: er musste sich an dem Vertrag halten. Nachdem er ungefähr zehntausend Mauersteine auf diese Weise gewonnen hatte, begann er mit dem Bau des neuen Schlosses. Aber wie sonderbar: jede Nacht waren die neu erbauten Mauern wieder zerstört worden, die aus den alten Mauersteinen errichtet waren, während diejenigen, zu deren Bau man neue Steine verwendet hatte, unbeschädigt geblieben waren. Der Graf stellte Wächter auf, denn er glaubte, dass einer der Maurergesellen oder gar der Baumeister selbst die neu errichteten Mauern mit Absicht zerstört hatten, um nicht die Mauern des alten Schlosses niederreißen zu müssen. Die Wächter saßen an der Mauer und schmauchten ihre Pfeifchen. Gegen Mitternacht erblickten sie plötzlich ein fürchterliches Gespenst mit einer brennenden Kette um den Hals, dass sich — aus dem alten Schloss kommend — der Baustelle des neuen Schlosses näherte. Die Wächter erschraken gewaltig, bekreuzigten sich und liefen dann so schnell nach Hause, wie die Beine sie trugen. Auch die anderen Wächter, die in den nachten Nächten die Mauern bewachen mussten, bekam das furchtbare Gespenst mit der brennenden Kette zu sehen und liefen ebenfalls in ihrer Angst davon. Schließlich wagte kein Mensch mehr, die Mauern des neuen Schlosses zu bewachen oder auch beim Niederreißen des alten Schlosses die Hand mit anlegen. Was war nun zu tun? Man musste die alten Mauern stehen lassen und das neue Schloss nur aus neuen Mauersteinen errichten: da ging die Arbeit schnell voran, und das prächtige neue Schloss steht noch heute am Ufer des Sees.

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