Ein Irreführer, der unsichtbar ist oder eine unbestimmte Gestalt hat

From Pasakas un teikas
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Vor etwa hundert Jahren waren wir noch Leibeigene; wir hatten kein Recht, keine Gesetze, keine Macht. Alle Macht hatte der Herr, und er konnte mit den Leuten verfahren nach seinem Gutdünken: wen er schonen wollte, den schonte er, wen er bestrafen wollte, den bestrafte er, wie es ja auch allgemein bekannt ist. Auf einem Gutshof gab es einen Vogt, der ein guter, gehorsamer und treuer Diener seines Herrn war und der gern jeden Wunsch seines Herrn erfüllte. Der Herr war auch seinerseits gut zu ihm. Einmal — ich kann mich nicht mehr recht daran erinnern, was die Fronarbeiter getan hatten — aber der Herr war sehr zornig geworden und ließ sie erbarmungslos schlagen. Manche meinten, dass der Vogt sie bei dem Herrn ungerechterweise verklagt und verleumdet hatte. Da, die armen Fronarbeiter solche Strafen nicht mehr ertragen konnten — es war nicht das erste Mal, dass der Vogt sie beim Herrn verleumdet hatte — beschlossen sie nach Ventspils zu gehen und sich über den Vogt und die harte Strafe zu beklagen. Und das taten sie denn auch: sie gingen nach Ventspils und reichten ihre Klage ein. Da kam eine Aufforderung für den Vogt, dass er nach Ventspils gehen und sich verantworten müsse. Auch die Fronarbeiter wurden nach Ventspils bestellt. Wohl berichteten sie über die ungerechte Handlungsweise des Vogtes, aber der Vogt schwor hoch und heilig, dass das nicht wahr sei und dass er die Fronarbeiter immer gerecht behandelt habe. Wegen ihrer gerechten Klage wurden die Fronarbeiter vom Gericht obendrein noch verurteilt. Die Ärmsten gingen weinend nach Hause, der Vogt dagegen konnte fröhlich singen. Bangen Herzens war er nach Ventspils gefahren, denn er hatte Angst gehabt, die Fronarbeiter könnten vor dem Gericht ihr Recht bekommen, da er sie wegen eines geringen Vergehens unbarmherzig hatte prügeln lassen. Jetzt aber freute er sich, dass er als Sieger aus der Sache hervorgegangen war. Bei bester Laune verließ er Ventspils, Es wurde dunkel. Er überholte die Fronarbeiter, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen, zog seinem Braunen eins mit der Peitsche über und fuhr schnell davon. Die Nacht wurde so finster, dass man kaum den Himmel sehen konnte. Die Straße war gut. Der Vogt wundert sich, warum die Straße heute so gut ist: denn als er gestern nach Ventspils fuhr, war sie noch gar nicht so gut. Da er in Ventspils ein wenig getrunken hatte, wurde er schnell müde und nickte ein. Auf einmal merkte er, dass er im Wasser saß, und erwachte. Es war dunkel, der Wagen stand bis zur Hälfte im Wasser, von dem Pferd war nur der Rücken zu sehen — es war im Morast eingesunken, die Deichsel war gebrochen — weiterfahren konnte er nicht. Sein Kopf fror, seine Füße froren — keine Mütze auf dem Kopf, keine Stiefel an den Füßen. Dunkel ist es, er selbst sitzt im Wasser, das Pferd steckt im Moor, zerrt am Wagen, strampelt — da hört er auf einmal etwas wie ein hässliches Gelächter. Wie es ihm dort ergangen ist und wie er alles erlitten hat, bis es Morgen wurde, hatte - er nie genau erzählt. Nach langen Qualen gelang es ihm schließlich aus dem Sumpf herauszukommen, aber diese Unglücksnacht hat er nie mehr vergessen können.

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