Geldgräber werden gestört

From Pasakas un teikas
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Diese Begebenheit hat mir der Müllergeselle Kārlis Reiters erzählt. – Ich war neunzehn Jahre alt, als ich meine Burschenjahre beendete und ein zünftiger Geselle wurde. Da überkam mich eine große Lust zu reisen und die Welt zu sehen. Mit meinem Reisesack auf dem Rücken wanderte ich von Mühle zu Mühle. Wenn ich ein paar Wochen gearbeitet und wieder etwas Reisegeld beisammen hatte, zog ich weiter. Schließlich fand ich in Litauen einen guten Meister und ließ mich dort für längere Zeit nieder. Hier erfuhr ich von Leuten, die Ihr Korn zur Mühle brachten, um es mahlen zu lassen, das war nicht weit vom Friedhof entfernt. Im Tal neben einem Weidenstrauch sei Geld vergraben worden, auf dem ein Fluch liege. Niemand könne es hervorholen. Ich merkte mir diese Worte und schloss Freundschaft mit einem pensionierten Soldaten namens Jāzeps. Er war ein überaus mutiger Mann. Sein Knecht hieß Jonāts. Wir beschlossen zu Dritt in der Johannisnacht nach dem Geld neben dem Weidenbusch zu graben. Zuerst besorgten wir uns die nötigsten Dinge für unser Vorhaben: ein paar Spaten, eine Axt, eine Eisen- und eine Mauerstange. Dann nahmen wir drei Flaschen Branntwein und machten uns nach dem Sonnenuntergang auf den Weg. Wir stocherten an der bezeichneten Stelle mit der Stange herum und stießen auf einen harten Gegenstand, obwohl die Erde darunter wie ein hohles Fass hallte. In der Hoffnung, dass wir die Stelle, an der das Geld lag, gefunden hatten, begannen wir zu graben. Plötzlich erblickten wir einen Reiter, der vom Friedhof hergeritten kam, dass die Funken und die Hufe wirbelten. Jāzeps, der Soldat, wollte mich beruhigen und sagte, ein Reiter allein könne nichts gegen uns ausrichten. Vor dem Tod fürchte er sich nicht, denn er habe schon oft dem Tod ins Auge blicken müssen. Wir nahmen jeder einen Schluck aus der Branntweinflasche und arbeiteten weiter. Da kam ein Kriegsherr mit Sternen und Kreuzen an der Brust herbeigeritten und schlug mit der Hand an sein Schwert, dass es erklang. Der Knecht Jonāts hatte die Hosen vor Angst gleich voll: Er warf den Spaten weg und suchte das Weite. Ich und Jāzeps, der Soldat, nahmen hingegen noch einen ordentlichen Schluck und arbeiteten weiter. Schließlich stießen wir — etwa drei Fuß tief in der Erde — auf einen großen Stein. Da wir glaubten, darunter würde sich das Geld befinden, versuchten wir den Stein mit der Stange zu heben, ohne uns um den fürchterlichen Reiter zu kümmern, der auf dem Pferd sitzend, zornig mit der Hand auf das Schwert schlug. Plötzlich sauste der Stein zusammen mit der Eisenstange mit großem Krach in die Tiefe. Es gelang uns noch zurückzuweichen, um nicht auch in den Abgrund gerissen zu werden. Gleich darauf machte der Reiter kehrt und ritt genau so schnell zum Friedhof zurück, wie er gekommen war. Wir, die Schatzgräber, aber eilten erschrocken nach Hause. Am nächsten Tag kehrten wir mit vielen anderen Leuten zu der Stelle zurück, an der wir aber nur noch eine sprudelnde Quelle fanden, die noch heute durstige Wanderer labt, vom Geld jedoch keine Spur.

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