Der Mensch verwandelt sich aus Neugierde in einen Werwolf

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Comments: A. Klaustinš in Rūjiena hat die folgende Sage aufgeschrieben: Ein Knecht verwandelte sich in einen Wolf. Sein Bauer, der selbst ein Werwolf war, erkannte seinen Knecht, ergriff einen Knüppel, verprügelte ihn ordentlich, packte ihn an den Ohren und zog ihn unter der Wurzel hindurch. Da wurde aus dem Wolf wieder der ehemalige Knecht.
Comments: J. Upītis in Jaun-Roze hat eine andere Variante aufgeschrieben (VII, I, 903), in der der Knecht eines Bauern, der Werwolf war: auch zum Werwolf wurde und es sein ganzes Leben lang bleiben musste, weil er seine Menschengestalt nicht mehr annehmen konnte. P. Š.


Einmal war ein Knecht auf dem Feld des Kabri-Hofes gerade beim Pflügen. Da sah er, dass der zur Genüge bekannte Žibu Krišs sein Haus verließ und nach Baišleja hinabstieg. Der Knecht dachte: "Der hat gewiss nichts Gutes im Sinne, wahrscheinlich will er sich in Baišleja in einen Werwolf verwandeln. Man müsste sehen, wie er es macht!" Gedacht, getan. Er ließ sein Pferd mit dem Pflug auf dem Acker zurück und pirschte sich dann durch das Gebüsch recht nahe an die große Zauberbirke bei Baišleja heran. Dort pflegte sich Žibu Krišs in einen Werwolf zu verwandeln. Kurz darauf kam Žibu Krišs an den Baum, sah sich nach allen Seiten um, legte sich auf die Erde und kroch dann unter einer hochgewölbten Wurzel der Birke hindurch. "Pfötchen hin, Pfötchen her, Rumpf und Pelz und hinten ein langer Schwanz!" und verwandelte sich in einen Wolf. Dieser schüttelte sich, hob den Schwanz und lief in die Richtung des Tiltiņi-Moores davon.

"Sieh nur", dachte da der Knecht des Kabra-Hofes, "wie flink er sich in einen Werwolf verwandelt hat!" Er trat aus dem Gebüsch, ging an die Birke, besah sie von allen Seiten: Nichts war zu sehen, nichts zu bemerken, die Birke sah aus wie immer. Aber nun war der Bursche neugierig geworden: Er wollte ausprobieren, ob es denn wirklich so leicht war, sich in einen Werwolf zu verwandeln. Er legte sich auf die Erde, kroch unter die Wurzel der Birke und sprach: "Pfötchen hin, Pfötchen her, Rumpf und Pelz und hinten ein langer Schwanz!" Da merkte er, dass er am ganzen Körper erschauerte: Er hatte sich in einen Wolf verwandelt. Der Verstand war wie der eines Menschen, nur die Sprache fehlte. Froh, dass die Kunst so leicht war, hüpfte er herum und bemerkte, dass er recht schnell laufen konnte; seine Beine trugen ihn so schnell, dass der Wind ihn um die Ohren sauste. Schließlich aber hatte er genug von diesem Scherz und wollte zu seinem Pflug zurückkehren.

Er trat wieder an die Birke. Aber wie sollte er nun wieder ein Mensch werden? Daran hatte er vorher gar nicht gedacht. Was nun? Er kroch "vorwärts und rückwärts unter der Wurzel hindurch, legte sich auf die Seite, sprach verschiedene Worte — alles vergeblich: Er wurde die Wolfsgestalt nicht los. Jetzt erschrak der Mann ganz gewaltig: Sollte er denn sein ganzes Leben als Werwolf herumlaufen? Er kehrte auf den Acker zu seinem Pferd zurück und hoffte, es würde ihn wiedererkennen, aber als das Pferd den Wolf kommen sah, raste es samt dem Pflug davon. Da ging der Mann nach Hause und dachte: Die Leute würden ihn gewiss wiedererkennen, vielleicht würde auch jemand einen Rat wissen. Aber es kam anders. Als die Leute ihn auf dem Hof erblickten, stürzten sie sich mit Knüppeln auf ihn, beschimpften ihn, nannten ihn den unverschämten Werwolf, der sich nicht scheue, am helllichten Tag ums Haus zu schleichen. Schließlich hetzten sie ihn mit Hunden ins Gebüsch zurück. Der Mann, der nicht mehr sprechen konnte, hatte keine Möglichkeit, etwas zu erklären, denn sogar seine eigene Mutter hatte ihn nicht wiedererkannt und nur geschrien: "Pfui, Werwolf, schäm dich, schäm dich!"

Verzweifelt hockte er sich im Walde hin und heiße Träne rollten über seine behaarten Wangen. Er betete zu Gott und bat ihm, nur noch dieses eine Mal zu helfen. Er wolle sich nie mehr Versuchungen und bösen Künsten hingeben. Nachdem er zum neunten Mal das Vaterunser gebetet hatte, sprach eine Stimme von oben zu ihm: "Geh zurück zu demselben Strauch und beobachte, wie Krišs Ziba sich wieder in einen Menschen verwandelt!" Der Bursche befolgte Gottes Rat, versteckte sich hinter dem Strauch und wartete. Gegen Abend hörte er ein Geräusch im Schilfrohr: Ein Wolf näherte sich der Stelle und schleppte auf dem Rücken einen großen Widder herbei, den er mit den Zähnen hielt. Er trat an die Birke, warf den Widder auf die Erde, schüttelte sich, kroch unter die Wurzel und sprach mit menschlicher Stimme: "Der Wolf bleibt zurück, nun bin ich wieder ein Mensch wie vorher. Plötzlich war der Wolf verschwunden, Krišs Ziba kroch gesund und munter unter der Wurzel hervor, nahm sich den Widder auf die Schulter und ging nach Hause. Der Bursche handelte und sprach genau so, wie er es eben gesehen hatte, und wurde wieder zu einem Menschen. Er hat denn auch nie wieder versucht, solche Künste nachzumachen: Die ausgestandene Angst war Lehre genug gewesen.

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