Der Zauberer verwandelt Menschen in Werwölfe

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Comments: Die Sage ist stark verkürzt, denn Lapas Mārtiņš hat sie absichtlich ausgedehnt. P. Š.


In alten Zeiten waren fast alle Herren sehr hart und unbarmherzig zu ihren Leibeigenen, die sich daran gewöhnt hatten und gelassen ihr schweres Schicksal ertrugen. Aber auf einem Gutshof lebte ein Herr, der an Härte alle anderen Herren übertraf. Andere betrachteten ihre Leibeigenen wenigstens als wertvolles Gut und sorgten dafür, dass dessen Wert nicht gemindert wurde. Aber der eben erwähnte Herr wollte oder konnte nicht einmal erkennen, dass seine Leibeigenen irgendeinen Wert haben könnten. Er verlangte von ihnen nur Arbeit und immer wieder Arbeit in einem Maße, das Menschenkräfte überstieg. Seinen Arbeitern auch seinerseits etwas zu geben, das kam ihm gar nicht in den Sinn. Als den Leibeigenen im Winter das Brot ausgegangen war, begaben sie sich zu ihren Gutsherren und erhielten aus den Vorratshäusern des Gutshofes hie und da einen Sack mit Spreu vermischtem Roggen, der für diesen Zweck in besonderen Verschlägen aufbewahrt wurde. Als sie zur Saatzeit kein Saatgetreide hatten, bekamen sie auch das von ihren Gutsherren. Das Getreide, das sie aus den Speichern des Gutshofes erhalten hatten, mussten sie im nächsten Herbst mit Zinsen zurückgeben, aber in der Not hatte man ihnen ja doch geholfen. Aber wenn die Leibeigenen des genannten Großherrn es wagten, mit einer solchen Bitte zu ihm zu kommen, erhielten sie von ihm eine lederne Peitsche als Antwort. Er ließ ihnen noch weniger Zeit zur Bearbeitung ihrer eigener Felder als andere Herren. Deshalb starben seine Leute, die nicht im Winter von Baumrinden und anderen schädlichen Dingen ernähren mussten, viel häufiger und in viel größerer Anzahl als die Bauern anderer Herren. So wurde die Zahl seiner Leibeigenen von Jahr zu Jahr kleiner. Um dennoch — nun mit viel weniger und dazu sehr geschwächten Leuten — die Arbeit auf dem Gutshof verrichten zu können, kannte der Herr nur ein Mittel: Schlagen, oft mit eigener Hand. Auch der Gutsvogt bekam öfters seine lederne Peitsche zu spüren, weil er die Leute nicht so zur Arbeit zwingen konnte, wie sein Herr es gern gesehen hätte. Dafür hasste der Vogt seinen Herrn aus Leibeskräften und sann auf Rache.

Die Leute ertrugen noch immer still und geduldig die Unbarmherzigkeit ihres Herrn, denn sie wussten, dass Rebellion und Widerstand ihre ohnehin so übergroßen Leiden nur noch verstärkt hätten. Sie ertrugen es, aber heimlich knirschten sie mit den Zähnen. Eines Samstagabends spät, als der Vogt die Leute nach Hause geschickt hatte, riefen heimlich einige ältere Männer dazu auf, seine Wohnung zu betreten. Sorgfältig verschloss dieser die Türen und sprach dann die Versammelten an: "Ihr alle wisst, dass unser Herr ein gar zu unmenschlicher Mann ist. Es tut mir leid, eure Leiden zu sehen, aber mit meinem Mitleid kann ich euer Los nicht erleichtern, denn — wie ihr wisst — muss ich auch selbst viel unter seiner Härte leiden. Deshalb habe ich euch zu mir gebeten, damit wir gemeinsam überlegen, wie wir unsere Not lindern könnten. Plauktiņu Ādams, du bist der Älteste von uns, wir wollen mit dir beginnen: Was hältst du von meiner Absicht?" – "Was soll ich dazu sagen? Werden wir unsere Not lindern, wenn wir uns an unserem Herrn rächen?" – "Wir müssen uns so rächen, dass niemand auf den Gedanken kommen kann, dass wir die Schuldigen seien", erklärte der Vogt. "Aber wie sollen wir das bewerkstelligen?", fragte ein älterer Mann. "Ich weiß, wie man es machen könnte, damit niemand uns für schuldig hält. Mir ist bekannt, dass unser Herr morgen zu einem Festgelage, das auf dem Gut seines Vaterbruders stattfindet, fahren wird. In jener Gemeinde wohnt in einer Badstube ein großer Zauberer, ein Verwandter von mir. Er kann bewirken, dass unser Herr plötzlich aus der Gästeschar verschwindet und zu einem Werwolf wird. Der Wolf wird zwar wieder zu uns zurückkehren und versuchen zu erreichen, dass jemand ihm etwas zu essen gibt, wenigstens ein Stückchen Brot oder eine andere Kleinigkeit. Wenn das geschehe, dann könnte sich unser Herr wieder in einen Menschen zurückverwandeln. Deshalb muss man allen bekanntmachen, dass ein reißender Wolf in unserer Gegend aufgetaucht ist, vor dem sich alle in acht nehmen sollen. Seid ihr damit einverstanden?" – "Ja, ja!" gaben alle Männer zur Antwort und waren froh, dass es so leicht sein sollte, sich von dem unmenschlichen Herrn zu befreien.

Die Männer gingen in der Dunkelheit auseinander und niemand von den Gutsleuten hatte bemerkt, dass beim Vogt eine Versammlung stattgefunden hatte. Am Sonntagabend trafen Leute aus der ganzen Gemeinde wieder rechtzeitig auf dem Gutshof ein, um am Montag in aller Frühe an die Arbeit zu gehen. Um die Frühstückszeit erschien ein Reiter aus der Nachbargemeinde und erkundigte sich, ob der Gutsherr wieder zuhause war. Er berichtete: "Euer Herr ist gestern Abend plötzlich aus der Gästeschar unseres Herrn verschwunden und niemand hat gesehen, wo er geblieben ist."

"Euer Herr soll sich keine unnötigen Sorgen machen", antwortete darauf der Gutsverwalter, "unser Herr wird sich schon wieder einfinden. Er ist sicher müde gewesen und hat sich irgendwo heimlich schlafen gelegt."

Der Kutscher des Herrn erzählte, dass er auf dem Heimweg Schwierigkeiten mit einem überaus dreisten Wolf gehabt habe. Der hatte zwar die Pferde nicht angegriffen, dafür wollte er aber mit aller Gewalt in die Kalesche des Herrn einbrechen. Der Wolf hatte die Kalesche fast bis zum Gutshof begleitet und war dann ins Gebüsch gelaufen. Der Vogt tauschte heimliche Blicke mit seinen Mitwissern aus und bedauerte angeblich das Verschwinden des guten Herrn. Außerdem gab er seiner Hoffnung Ausdruck, der Herr werde bald gesund und heil heimkehren. "Ein guter Herr war er ja nun nicht", sagte darauf der Kutscher, "es wäre schon besser, wenn er gar nicht mehr zurückkehren würde." – "So sollst du nicht sprechen, mein Freund", belehrte der Vogt ihn leise und der Kutscher besann sich sogleich. "Gebe Gott, dass der Teufel ihn geholt hätte!", flüsterten die Gutsarbeiter. Aber die Mitwisser des Vogtes, die älteren Männer, belehrten die übrigen, sie möchten über das Verschwinden des Herrn besser gar nicht reden.

Der Untersuchungsrichter aus der Stadt fuhr zum Gut des Vaterbruders des verschwundenen Herrn hinaus, aber seine Ermittlungen blieben ohne Ergebnis. Er erschien auch auf dem Gut des anderen Herrn, konnte jedoch nichts darüber erfahren, wo und auf welche Weise der Vermisste abhandenkam. Viele Leute dachten, der Herr sei im Mühlensee ertrunken, aber man fand ihn auch dort nicht.

Nur der dreiste Wolf, den der Kutscher als Erster gesehen hatte, erschien oft in der Nähe des Gutshofes. Der Vogt und seine Freunde wussten sehr wohl, wer das war, aber sie hielten still und verbreiteten eifrig Gerüchte, der Wolf müsse tollwütig sein, deshalb müsse man sich vor ihm sehr in acht nehmen. Der Wolf zeigte sich den Leuten oft bei der Gutsarbeit, besonders, wenn sie ihre Mahlzeiten hielten. Dann hockte er sich hin und zeigte winselnd mit den Pfoten nach seinem Maul, als würde er bitten wollen, auch ihm einen Bissen zuzuwerfen. Der Vogt und seine Freunde sorgten jedoch dafür, dass das nicht geschah. Sobald der Wolf in der Nähe der Gutsarbeiter auftauchte, jagten sie ihn mit Knüppeln davon. Die Schwester des verschwundenen Herrn übernahm nun den Gutshof und ließ sich dort zusammen mit ihrem Mann nieder. Die neuen Herrschaften waren im Vergleich zum Verschwundenen die reinen Engel. Die Leute erholten sich offensichtlich, sie wurden wieder kräftiger und schafften in weniger Tagen weit mehr als früher in vielen Tagen, denn sie waren jetzt mit Freude bei der Arbeit. Nachdem die neuen Herren eingezogen waren, wurde der sonderbare Wolf sehr oft in der Nähe des Gutes beobachtet: Er schlich ums Haus und winselte kläglich. Die neuen Herrschaften begegneten ihm fast immer, wenn sie ihren Hof verließen, und ihnen gegenüber war er besonders wild und zudringlich.

Schließlich versprach der neue Herr dafür zu sorgen, dass der Wolf getötet würde. Da er selbst kein passionierter Jäger war und keine Gewehre besaß, bat er einen anderen Herrn aus der Nachbarschaft, der ein prächtiger Jäger, der so gut schoss, dass er diese Aufgabe übernehmen konnte. Als nun der Schütze nach dem Wolf schoß, fiel dieser gleich um. Als die beiden sich vergewissern wollten, ob er auch wirklich tot sei, erschraken sie sehr, denn anstelle des erlegten Wolfes fanden sie den Leichnam des verschwundenen Herrn. Jetzt begriffen sie, dass der ehemalige Herr in einen Werwolf verwandelt worden war. Um das geheim zu halten, gaben sie bekannt, dass sie den Herrn tot in seinem geliebten Sommerhäuschen vorgefunden hätten. Die neue Herrschaft veranstaltete für den Toten ein stattliches Begräbnis und bestatteten ihn dort auf dem Gemeindefriedhof, wo die Gräber der Adeligen waren. Seit der Zeit blieb der sonderbare Wolf für immer verschwunden: Niemand bekam ihn mehr zu Gesicht. Denn der Vogt und seine Freunde behielten ihr Geheimnis für sich und erzählten keinem Menschen etwas darüber.

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