Wohlgesinnte Zauberer

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Comments: H. Skujiņa hat in Smiltene und in Aumeisteri eine Sage aufgeschrieben, in der ein diebischer Wirt angebunden wird und in der die Räuber des Kauči-Waldes mit Zauberkraft nach Riga gebracht werden. P. Š.


Vor mehr als dreißig Jahren erzählte mir ein altes Mütterchen aus Rūjiena folgende Geschichte: Früher lebte in Rūjiena ein Bauer, der ein großer Hexenmeister war, er kannte die Rosen-, die Feuer- und Fieberworte und noch viele andere. Ganz besonders beherrschte er die Kunst, durch welche man einen Dieb an das gestohlene Gut fesseln konnte. Der Bauer hatte eine schöne Tochter. Der Sohn des Gutsherrn hatte sie gesehen und begehrte sie. Im Sommer schlief das Mädchen nachts im Vorratshaus. Der Jungherr pflegte zu kommen, an die Tür zu klopfen und mit Schmeichelworten um Einlass zu bitten. Das Mädchen aber, das sehr wohl wusste, dass er keine guten Absichten hatte, ließ ihn nie herein. Als der Jungherr jedoch nicht aufhörte, sie nachts zu belästigen, erzählte sie es ihrem Vater. "Nun, dem Herrchen werde ich das nächtliche Herumstreunen schon austreiben!“, antwortete er. "Wenn du heute Abend schlafen gehen wirst, werde ich selbst die Tür des Vorratshauses von außen abschließen und es so machen, dass das Herrchen nie mehr wiederkommen wird."

Am Abend ließ der Bauer die Tochter in das Vorratshaus, schloss die Tür von außen ab, aber ließ den Schlüssel stecken. Als die anderen sich zur Ruhe begeben hatten, kam das Herrchen wieder an und trat an die Tür des Vorratshauses. Als er den Schlüssel stecken sah, freute er sich sehr, dass es ihm diesmal gelingen würde, ins Haus zu gelangen. Aber sobald er den Schlüssel umdrehen wollte, blieb dieser derart an seiner Hand kleben, als wäre er mit ihr verwachsen gewesen. Weder vermochte er die Tür aufzuschließen noch seine Hand von dem Schlüssel zu lösen. Da flehte er die Tochter des Bauern an, sie möge kommen und ihn vom Schlüssel befreien. Sie aber, die sehr wohl wusste, dass ihr eigener Vater ihn angebunden hatte, stellte sich schlafend und antwortete nicht. So musste der Jungherr bis zum nächsten Morgen an der Tür des Vorratshauses stehenbleiben.

Als die Sonne aufging, weckte der Bauer seine Knechte und sagte ihnen, dass an der Tür ein fremder Mann stehe. Er sei gewiss ein Dieb, sie sollten ihn ordentlich verprügeln. Das taten die Knechte gern. Sie bearbeiteten den Jungherrn derart mit ihren Fäusten, dass er zu flehen begann, ihn nicht mehr zu schlagen, er sei der Sohn des Gutsherrn.

"Der Sohn des Gutsherrn wird nicht auf einen Bauernhof kommen, um dort zu stehlen. Du bist ein Wandergeselle oder ein Herumstreuner," antworteten auf sein Flehen die Knechte.

Als der Bauer der Ansicht war, das Herrchen habe seine Lehre bekommen, befreite er seine Hand von dem Schlüssel und das Herrchen suchte unverzüglich das Weite.

Am nächsten Tag erzählten die Gutsleute, dass der Jungherr krank sei, jedoch nicht zulassen wolle, dass ein gelehrter Arzt geholt werde. Er bestehe darauf, dass der bekannte Besprecher gerufen werde. Der Bauer erhielt den Befehl, sich aufs Gut zu begeben und den jungen Herrn zu behandeln. Er ging zu ihm, und der Jungherr bezahlte ihm für das Heilen viel Geld. Seit der Zeit stellte er nie mehr Bauerntöchtern nach.

(Eine ähnliche Sage hat auch H. Skujiņa aus Smiltene aufgeschrieben.)

Wenn der Gutsherr den Flachs des Gutshofes nach Riga schickte, wo er verkauft werden sollte, mussten die Bauern seiner Gemeinde ein Pferd und einen Mann stellen, der Hexenmeister aber musste ohne Flachsfuhre mitfahren, um den Flachs zu beschützen, damit er unterwegs nicht gestohlen werde. Damals gab es noch nicht die Engelhardsche Landstraße, und die alte kurvenreiche Straße nach Riga führte durch den großen Wald von Kauči. In dem Kauči-Wald aber hausten viele Diebe und Räuber, die man die Gärtner des Kauči-Waldes nannte, und die oftmals die Fuhrleute überfielen, beraubten und manchmal sogar töteten. Auch der Schreiber dieser Zeilen hat in seiner Kindheit noch Schauergeschichten über die Räuber des Kauči-Waldes und über ihre Untaten gehört. Der Gutsherr wusste sehr gut, dass die Räuber dem Hexenmeister nichts anhaben konnten, deshalb vertraute er ihm seinen Flachs viel lieber an als seinem eigenen Vogt. Die Gemeinde musste ihm ein Pferd stellen und so konnte er ohne Sorgen die Fuhrleute mit ihren Flachsfuhren nach Riga begleiten. Als die Fuhrleute in den Kauči-Wald kamen, befahl er ihnen in einem Wirtshaus, einem Krug, in dem sehr oft Diebstähle vorgekommen waren, zu übernachten. Er ließ sie die Pferde in den Stall bringen, während die Fuhren draußen vor dem Krug bleiben sollten: Die Nacht sei ja klar. Als die Fuhrleute ihre Pferde versorgt und sich in der großen Stube des Wirtshauses schlafen gelegt hatten, begab sich der Hexenmeister in die "deutsche Kammer," um sich ein wenig auszuruhen. Der Wirt wunderte sich sehr, dass man die Flachsfuhren ohne Aufsicht draußen gelassen hatte. Der Hexenmeister antworte darauf ganz gelassen: "Mich kann kein Dieb bestehlen. Wer es nicht glauben will, kann ja sein Glück ruhig versuchen." Darüber wurde der Wirt sehr froh, denn er stand mit Räubern in Verbindung und hoffte nun auf große Beute.

Am frühen Morgen gingen einige Fuhrleute hinaus, um nach ihrer Ladung zu sehen. Da erblickten sie mehrere Männer, die sich daran zu schaffen machten, darunter auch den Wirt selbst, dessen Hände sich um die Flachsbündel krallten, als würden sie sie bei nächster Gelegenheit entwenden wollen. "Hei, was habt ihr an unseren Fuhren zu schaffen!“, riefen die Fuhrleute. "Liebe Leute, sorgt doch dafür, dass wir von den Fuhren loskommen," bat der Wirt, "wir werden dafür gut bezahlen!"

"Wen unser Aufseher angebunden hat, den wissen wir nicht loszulassen“, antworteten die Fuhrleute.

Kurz darauf kam auch der Aufseher herbei und sagte: "So, Herrchen, ihr habt die Flachsfuhrleute lange genug geplagt, jetzt werdet ihr nach Riga marschieren."

Die Flachsdiebe folgten mit gesenkten Köpfen dem Meister, dem sie sich auf keine Weise entledigen konnten.

In der Nähe der Jugla-Brücke kamen ihnen einige Gerichtsbeamte und eine Schar Soldaten entgegen, die ausgesandt worden waren, um nach den Räubern zu fahnden. Als die Gerichtsleute einige der ihnen schon bekannten Gauner erblickten, die neben den Fuhren der Flachsfahrer hergingen, fragten sie die Fuhrleute verwundert, was das für Leute seien, die sich an ihren Fuhren festhielten.

"Das sind die Räuber des Kauči-Waldes, die wir in der vergangenen Nacht angebunden haben," erklärte der Aufseher.

Erst jetzt bemerkten die Gerichtsherren, dass die Diebe die Flachsbündel so festhielten, als wären sie angebunden worden.

"Es muss unter euch einen großen Hexenmeister geben", rief einer der Fahnder.

"Wie es denn auch sein mag, es wird wohl besser sein, wenn wir sie auf diese Weise nach Riga bringen und sie euch dort überstellen“, meinte der Aufseher.

Der Leiter der Fahndungsgruppe war damit einverstanden, und so setzte der sonderbare Zug seinen Weg fort. Als sie die Ausspannwirtschaft erreicht hatten, sagte der Hexenmeister: "Jetzt könnt ihr die Gauner übernehmen!"

Sogleich lösten sich die Hände der Diebe von den Flachsfuhren und die Soldaten brachten sie ins Gefängnis.

Nachdem der Flachs des Gutshofes ordnungsgemäß abgeliefert worden war und nachdem der Hexenmeister die vereinbarte Bezahlung in Silbermünzen erhalten hatte, machte er sich mit den anderen auf den Heimweg. Er hatte den Geldsack in seinen Schlitten geladen: Damals gab es nämlich noch kein Papiergeld, das Kontor hatte daher für den Flachs in reinen Silbermünzen bezahlt. Auf der Heimfahrt kehrte der Aufseher mit seinen Mannen in ein anderes Wirtshaus des Kauči-Waldes ein, um dort abermals zu übernachten. Diesmal wurden die Pferde und die Fuhren in einem Stall untergebracht, dessen Tür verschlossen wurde. Den Geldsack ließ der Aufseher jedoch in der Wirtsstube in eine Ecke abstellen. Als der Wirt das sah, sagte er: "Hier kann euer Geld von Dieben gestohlen werden." Der Hexenmeister antwortete: "Mein Geld kann niemand stehlen. Wer es nicht glauben will, soll es versuchen!" Aber der Wirt dachte: "Das ist ja nur leere Prahlerei. Ich werde ihm schon noch zeigen, dass sein Sack morgen verschwunden sein wird."

In der Nacht wollte der Wirt den Geldsack stehlen und in seinem Keller verstecken. Als er ihn dorthin gebracht hatte, klebte er derart an seinen Händen, dass er sich auf keine Weise von ihm befreien konnte. Schließlich blieb ihm nichts anderes übrig, als den Sack in die Wirtsstube zurückzubringen, aber auch dort vermochte er sich nicht von ihm zu befreien.

Am nächsten Morgen bat der Wirt den Aufseher flehentlich, ihn doch von dem behexten Sack zu lösen und ihm die große Schande zu ersparen. Er habe es nur aus Neugierde getan.

"Wenn Ihr uns allen umsonst ein gutes Frühstück mit warmen Gerichten und guten Getränken gebt, dann will ich Euch von dem Sack befreien," versprach der Hexenmeister.

"Das will ich gern tun," versprach nun seinerseits der Wirt und wurde noch in demselben Augenblick wieder frei.

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