Die Hexen reisen

From Pasakas un teikas
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Eine Bäuerin und ihre Tochter waren große Hexen. Einmal nähte in einem Gesinde ein Schneider, der noch bis in den späten Abend bei seiner Arbeit zu sitzen pflegte. Eines Abends aber redete die Tochter der Bäuerin dem Schneider zu, er solle heute nicht mehr so lange nähen. Der aber nähte vorsätzlich recht lange. Zuletzt sprang das Mädchen aus dem Bett und ließ ihm keine Ruhe, er solle doch endlich schlafen gehen. Er ging denn auch, im Bett aber dachte er: "Da kann doch etwas nicht richtig sein, dass ich ins Bett soll. Wartet mal ab, hinlegen will ich mich, aber einschlafen will ich absichtlich nicht; ich will doch sehen, was die beiden in der Nacht anstellen." Nach einer Weile schnarchte der Schneider zum Schein ein paar mal. Als das Mädchen das hörte, weckte es die Mutter und sagte: "Mama, steh auf, jetzt schnarcht er." Die Mutter stand auf, aber zur Sicherheit sengte sie noch dem Schneider die Fußsohle, ob er auch wirklich eingeschlafen wäre. Der arme Schneider biss die Zähne zusammen und hielt standhaft aus. Da holte die Bäuerin ein Töpfchen hinter dem Ofen hervor, tauchte ihre Finger ein, benetzte sich die Achselhöhlen und nahm alsbald die Gestalt einer Elster an. Das Mädchen tat wie sie, wurde auch zu einer Elster, und beide flogen zum Fenster hinaus. Da dachte der Schneider: "Kann ich denn nicht auch meine Finger in die Flüssigkeit tauchen? Gedacht, getan, er tauchte seine Finger ein und benetzte seine Achselhöhlen. Alsbald verwandelte er sich auch er in eine Elster und flog den beiden nach. Er flog und flog, dann sank er plötzlich in einem fernen, fremden Land zur Erde und gewann wieder Menschengestalt. Dort ertönte unter der Erde ein Brausen und er bemerkte in der Nähe eine Höhle. Er kroch hinein, um sie sich anzusehen. Er stieß auf ein ganzes Haus. Darin war die Zauberin mit ihrer Tochter gelandet. Das Mädchen sah zum Fenster hinaus und rief: "Schau, Mama, da ist ja auch unser Schneider!" Die Mutter eilte ihm entgegen, verbarg den Schneider unter einer Bank und flüsterte ihm zu: "Wenn jetzt einer eintritt, der um die Mitte dünn wie eine Nadel, an beiden Enden aber dick wie ein Balken ist, so darfst du deine Verwunderung nicht laut werden lassen, sonst bricht er entzwei." Ja, nach einer kleinen Weile schiebt sich einer zur Tür herein, um die Mitte dünn wie eine Nadel, an beiden Enden aber so dick wie ein Balken. Als der Schneider den Kerl sah, konnte er nicht an sich halten, sondern rief: "Ei du dünnes Gespenst, nimm dich in acht, dass du nicht zerbrichst!" Kaum hatte er das gesagt, da brach der Dünne schon mitten entzwei. Das war der König der Zauberer. Jetzt eilten andere Zauberer herbei und wollten den Schneider erwürgen, aber die Bäuerin entriss ihn ihnen flink, salbte ihm noch die Achselhöhlen, setzte ihn auf einen Balken und rief ihm zu: "Immer geradeaus, nirgends halten!" Alsbald erhob sich der Balken, samt dem Schneider, der Bäuerin und dem Mädchen in die Luft. Unterwegs unterwies die Bäuerin den Schneider: "Wenn wir sehr hoch schweben, so sage ja nicht: „Herrje, wie hoch wir jetzt sind!" Bald darnach aber kamen sie an einen Fluss und da stieg der Balken auf einmal ganz hoch in die Lüfte. Der Schneider: "Herrje, wie hoch wir jetzt schweben!" Sobald er so gesprochen hatte, senkte sich der Balken schnell wie der Wind zum Fluss nieder, und beide Zauberinnen ertranken; nur der Schneider, der ein guter Schwimmer war, konnte sich ans Ufer retten."

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