Kraftriesen

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Comments: Verschiedene Sagen über Kraftriesen sind bereits im Bd. VIII aufgenommen (Nr. 27, S. 457 - 492), deshalb will ich hier nur noch einige Sagen von Lerchis-Puškaitis aus der 2. Teil des VII. Bandes seiner Sammlung anführen. 1888 werden im "Baltischen Kalender" (S. 72) vier Kraftriesen aus Zaļenieki erwähnt, die zu viert ein Haus hochheben konnten. Im "Baltischen Anzeiger" (1894, Nr. 46. VII, II, 72, 2) ist eine Sage abgedruckt, laut der in Odziena auf dem Draudavi-Hof ein Mann namens Lieljānis (=der große Jānis) lebte, der einen riesigen Eichenklotz tragen konnte. A.L.P. selbst hat in Talsi eine Sage aufgeschrieben (75, 2), die von einem Ojars erzählt, der u. a. ein Pferd die Windmühlentreppe hinaufgetragen hat. Kārlis Bika in Gaujiena hat eine Sage aufgeschrieben, in der ein großer und sehr starker Mann beim Ringen einen anderen Kraftriesen in die Luft hebt und dann an seiner Brust erwürgt (72, 4). Eine ähnliche Sage habe ich von meinem Vater in Rauna gehört. P. Š.


Vor langer Zeit lebte in Livland ein sonderbarer Mann. Er wurde Kurmis (=Maulwurf) genannt. Er war ein großer und reicher Mann, Feind der Gewalttäter, Freund der Armen und Unterdrückten. Daher hatte er viele Freunde, aber auch viele Feinde. Obwohl seine Feinde viel Mächtiger waren als seine Freunde, konnten sie nur wenig gegen ihn ausrichten. Kurmis besiegte sie ganz ohne die Hilfe seiner Freunde und so manches Mal führte er sie ordentlich an der Nase herum. Das größte Ziel, welches Kurmis anstrebte, war, den Reichen und Gewalttätern ihr Geld wegzunehmen, um es den Armen zu geben. Deshalb wurde er oft festgenommen, gefesselt und ins Gefängnis geworfen. Kurmis war jedoch nur dann zu fesseln, wenn er damit einverstanden war, um so seine Feinde zu narren, denn in Wirklichkeit konnten keine Ketten oder Fesseln ihn bändigen. Er schüttelte alle Fesseln mit Leichtigkeit ab. Auch im Gefängnis konnte man Kurmis nicht einsperren, denn er entkam jedes Mal, ohne dass die Wächter bemerkt hätten, auf welche Weise es ihm die Flucht gelungen war. Oftmals hatte man Kurmis mit gefesselten Armen und Beinen ins Gefängnis gebracht. Als man jedoch die Gerichtsdiener nach ihm schickte, fanden sie es leer, obwohl die Tür noch immer verschlossen war und obwohl die Wächter vor der Tür sich nicht von der Stelle gerührt hatten. Die Leute munkelten, Kurmis besitze das "Schwarze Buch", in dem Worte zu finden seien, die ihn die erstaunlichen Dinge vollbringen ließen.

Ein Gutsherr hatte einen armen Bauer vom Hof verjagt und sich seine Habe angeeignet. Zu der Zeit hatten die Bauern keine Rechte, deshalb wandte sich das arme Bäuerlein auch nicht an das Gericht, sondern begab sich zu Kurmis, von dem er gehört hatte, dass er gern arme Bauern verteidige. Der Wohnort des Kurmis befand sich gut 60 Werst vom Hof des Bäuerleins entfernt, deshalb kostete es ihn viel Kopfzerbrechen, bis er sich auf den Weg machen konnte, denn er besaß kein eigenes Pferd. Der arme Mann gab jedoch nicht auf. Er erbat sich von seinem Nachbarn ein Pferd. Unterwegs begegnete er einem einfachen Mann und fragte ihn: "Freund, kannst du mir nicht sagen, wo der Kurmis lebt?" Der Fremde, dem er seinen Kummer erzählt hatte, sagte: "Kurmis ist unterwegs und wird vor morgen Abend nicht heimkommen. Deshalb gib mir dein Pferd für eine kurze Reise. Dafür werde ich dich morgen Abend zu Kurmis bringen. Er ist mein Freund." Obwohl das Bäuerlein ihm nicht gern das Pferd geben wollte, wagte es nicht zu widersprechen. Beide bestiegen den Wagen und fuhren bis zum Krug. Das Bäuerlein stieg aus und ging hinein, der Fremde setzte seinen Weg fort. Zur vereinbarten Zeit kehrte er mit dem Pferd zurück. Er übergab es dem Bäuerlein, gab ihm für die Fahrt mehr Geld als das Pferdchen wert war, händigte ihm noch eine recht ansehnliche Summe aus und sagte: "Das bekommst du, weil man dich von deinem Hof vertrieben hat. Ich habe deinem Herrn eine ordentliche Lektion erteilt. Jetzt kannst du nach Hause fahren, aber vergiss Kurmis, deinen Wohltäter, nicht." Der Fremde war Kurmis selbst gewesen. Als der Bauer wieder zu Hause war, kam es ihm zu Ohren, dass Diebe dem Gutsherrn alles Geld, das er zu Hause gehabt hatte, gestohlen hatten. Jetzt begriff das Bäuerlein wohl, woher Kurmis das Geld genommen hatte, das er ihm gegeben hatte, aber seine Sache war es nicht, es dem Herrn zu erzählen. Nachdem Kurmis verschiedene Streiche und auch wundervolle Taten vollbracht hatte, wurde er schließlich seiner selbst überdrüssig. So mancher löbliche Schmied hatte versucht, ihn in Ketten zu schlagen, so manches streng bewachte Gefängnis hatte ihn festhalten wollen, aber es war nie jemandem gelungen. Vielleicht wäre Kurmis als freier Mann gestorben, wenn er sich nicht seiner selbst überdrüssig geworden wäre. Aber da ihm sein Leben langweilig geworden war, ließ er sich freiwillig festnehmen. Es fand sich ein schlauer Schmied, der prahlte, dass er Kurmis so in Ketten schlagen würde, dass er niemals mehr in der Lage sein würde, sich davon zu befreien. Zu jenem wurde Kurmis gebracht. Er schlug Kurmis in Ketten und sprach: Jetzt habe ich dich so gefesselt, dass du nie mehr freikommen wirst!" Kurmis antwortete: "Und du wirst nie mehr schmieden!" Beide Voraussagen gingen in Erfüllung: Der Schmied ist gleich auf der Stelle gestorben und Kurmis blieb angekettet, bis er starb.

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