Das Leben der Herrschaft

From Pasakas un teikas
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Das Schloss von Vec-Pienava oder Lustes pils (Lustschloss) habe ein deutscher Prinz namens Friedrich zu seinem Vergnügen, zu seiner Lust (daher luste) erbauen lassen. Es wird erzählt, dass einmal der kurländische Großherr Friedrich Kasimir in der Gegend von Vecpienava jagte, wo heute Friedrichslust steht. Ihm hat die Gegend so gut gefallen, dass er sich mitten im Wald — am Ufer der Pienava — ein Jagdschloss erbauen ließ. Von außen sieht das Schloss wie ein Tonhügel mit einem einzigen Schornstein aus. Die Geschichte berichtet jedoch, dass das Schloss von einem Großherrn namens Kettler erbaut wurde. In jener Zeit schmückten venezianische Spiegel und kostbare Bilder den großen Saal des Schlosses. Ein kleinerer Saal, der zur Wohnung der Großfrau gehörte, war mit Samt und Seide ausgeschlagen. Das Schloss wurde in Umkreis von einer Meile von einem Tiergarten umgeben. Darüber weiß ein Neunzigjähriger zu berichten, der noch mit eigenen Augen Teile der Schutzmauer gesehen hat. Er erzählt, dass die Mauer aus einer Mischung aus Ton und Stroh errichtet gewesen sei. Als der Alte den Garten zu sehen bekam, hat es in ihm keine Tiere mehr gegeben. Die Mauer war bereits zum Teil eingestürzt und der Garten in ein Feld verwandelt. Nur an manchen Stellen standen noch alte Rieseneichen, besonders im Westen — am Ufer der Pienava. Das Schloss wird von einem alten Lindenhain umringt. In dem Hain sind zwei Teiche zu finden, einer von ihnen wird Melnais dīķis (der Schwarzteich) genannt, weil im Schatten der Linden das Wasser im Teich schwarz erscheint. Im Schwarzteich habe in alten Zeiten ein Burgfräulein ihr Kind ertränkt. Deshalb soll es nachts in der Nähe des Teiches spuken: Man hört das Weinen eines Kindes. Meine Großmutter hat erzählt, dass zu der Zeit, als sie noch beim Großherrn im Schloss diente, vor dem Schlosseingang mehrere Skulpturen aufgestellt gewesen seien: Ieva (Eva), Marija, Christus usw. Der Großherr ließ seine Kutsche nie vor dem Eingang anhalten, sondern stieg schon vorher aus und näherte sich dann zu Fuß und mit entblößtem Haupt den Standbildern, wobei er das Kreuz schlug. Auch die anderen Schlossbewohner entblößten das Haupt vor den Standbildern. Die Großfrau, die gelähmt war, wurde in einem Wägelchen bis zum Eingang gefahren. Um welche Großherren (um welches Geschlecht) es sich gehandelt hat, wusste meine Großmutter nicht mehr zu sagen. Heute ist von den Standbildern keine Spur mehr zu finden. Von dem ehemaligen Tiergarten gehört nur noch ein Stück zum Gutshof, der Rest wurde an die umliegenden Bauernhöfe verteilt. Die Reste der Gartenmauer sind an manchen Stellen noch zu sehen, auch ein runder Hügel ist noch erhalten geblieben. Von jenem Hügel führte früher eine gerade Schneise durch den Wald bis zum Balkon des Schlosses. Die Herrschaften konnten von dem Schlossbalkon aus Rehe und anderes Wild auf dem Hügel beobachten. Der Hügel befindet sich heute mitten im Ackerland. Vom Tiergarten ist noch ein kleiner Hain übrig geblieben, der heute zu Rauši ( Rauschen-Hof) gehört und der Rauschenhain genannt wird, Friedrichslust hat im Laufe der Jahre verschiedene Herren erlebt, aber besonders bemerkenswert war die Zeit des russischen Herrn Rūps. Rūps hat den Gutshof gleich nach der Aufhebung der Leibeigenschaft übernommen. Zu seiner Zeit befand sich auf dem Gutsgelände eine Knochenmühle, in der Juden immer an Sonntagen Knochen gemahlen haben. Aber sehr lange hat die Knochenmühle nicht bestehen können. Eines Sonntags, als sie in vollem Gange war, erhob sich ein gewaltiger Sturm und warf sie um. Auch eine Schnapsbrennerei und ein Brauhaus soll es damals auf dem Gutshof gegeben haben. Auch eine Bullenzucht hatte man: Große ukrainische Bullen wurden mit Treber gefüttert. Von dem Brauhaus führte ein unterirdischer Gang zum Stall der Stiere: Der Treber wurde rennend in den Stall befördert. Die Reste der Stallmauern waren noch lange erhalten geblieben. Das Brauhaus ist später in ein Knechtshaus umgewandelt worden. Derselbe Herr hat auch für großartige Verbesserungen gesorgt. Zur Zeit des Herrn Rūps war vor dem Schloss ein hoher Mast aufgerichtet. Wenn der Herr zu Hause war, flatterte an der Spitze des Mastes eine Fahne. Derselbe Herr ließ an der einen Seite der Gutsfelder einen Erdwall aufwerfen und Weiden darauf pflanzen. Die Weiden stehen noch heute auf dem Wall. Früher sollen auf dem Gutsgelände, im Brauhaus und im Schloss Teufel ihr Unwesen getrieben haben. Der Wächter, der nachts den Gutshof bewachte, hörte sie oft im Lindenhain umherfahren oder -reiten. In den Schlosskellern und Winkeln pflegten sie manchmal, wie Schweine zu quieken oder wie Kinder zu weinen, und mitunter ist der Teufel dem Wächter in der Gestalt des Großherrn erschienen und hat ihm Speck und Würste angeboten. Unweit von dem alten Brauhaus mündet das Flüsschen Zolīte in die Pienava. In der Nähe des Gutshofes entspringt am Ufer der Pienava eine Quelle, welche man die Gesundheitsquelle nennt. Aus einem gespaltenen Stein quillt dort Bernsteinklares Wasser hervor. Die alten Leute wissen zu erzählen, dass der Herr von Luste eine einzige Tochter gehabt habe, die kränklich war. Ärzte aus aller Welt haben sie behandelt, aber sie wurde und wurde nicht gesund. Da hat ein altes Mütterchen ihr den Rat gegeben, aus der Quelle zu trinken und — siehe, da — sie wurde wieder gesund. Seit der Zeit trägt die Quelle den Namen Gesundheitsquelle (oder Heilquelle). Einmal lebte auf dem Lustschloss ein sehr reicher Herr. Er hatte einen Läufer, der immer vorauslief wie ein Windhund. Wenn der Herr von Luste in seiner Kalesche nach Jelgava fuhr, sah man den Läufer (oder Melder) dem Viergespann vorauslaufen. Der Läufer war ein Mensch, dem man die Waden verschnitten hatte, sodass seine Beine dünn wie zwei Stöcke waren.

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